Schreikind 

Als Schreikind wird ein Kind bezeichnet, das mindestens 3 Stunden, an mindestens drei Tagen die Woche, 3 Wochen hintereinander schreit. 

Im Januar 2014 wurden wir zum zweiten Mal Eltern. Trotz ein paar Wehwehchen und Erkältungen aller Familienmitglieder war die erste Zeit sehr schön. Wir waren recht entspannt, das neue Baby war ruhig und zufrieden. Wir waren glücklich, nun zu viert zu sein und genossen die gemeinsame Zeit.

Doch nach etwa 4-6 Wochen wendete sich das Blatt.

Tom schrie, wenn er müde war. Er fand nicht in den Schlaf. Überstreckte sich, raufte sich an Haaren und Ohren. Schrie im Kinderwagen, im Auto und wenn man ruhig mit ihm irgendwo saß. Wochenlang dachten wir, es wäre nur ein Wachstumsschub und es würde bald wieder besser werden. Tom schlief nur ein, wenn es still war und jemand ihn durch die Gegend trug.

Tom wurde älter, doch es wurde nicht besser, sondern immer schlimmer. Wenn wir ihn ins Bett legten zum Schlafen, drehte er sich hin und her, schlug mit dem kleinen Ärmchen um sich und kam ewig nicht zu Ruhe. Er schrie und schrie. Kurze Zeit half uns das Pucken in einem SwaddleMe Pucksack und das Herztontier von Sterntaler. Tagsüber trug ich ihn fast ständig in der Bauchtrage, so konnte ich wenigstens putzen, kochen und sonstiges erledigen. Zeitweise konnte man ihn kaum ablegen und ich trank kaum was, um nicht zur Toilette zu müssen. Ich fühlte mich in der Zeit sozial isoliert, ausgelaugt, depressiv und mein Nervenkostüm war nur noch ein Hauch von nichts. Tom schrie überall und beruhigte sich erst wieder, wenn ich mit ihm schnellen Schrittes spazieren ging. Das heißt, ich konnte keine anderen Leute besuchen, da er dort nur schrie, wenn er müde wurde. Er schrie sobald ich ein Geschäft betrat und hörte erst wieder auf, als ich den Laden wieder verließ. Beim Pekip hatte er meist eine halbe Stunde Spaß und danach verbrachte ich die restliche Stunde im Nebenraum, um ihn zu beruhigen. Das machte auf Dauer keinen Sinn, sodass ich den Kurs verließ. Wenn ich zuhause Besuch bekam, dann saß der Besuch meist auf der Couch und ich ging mit weinenden Baby auf dem Arm hin und her. Auch das war auf Dauer stressig und unschön, sodass ich mich kaum noch verabredete. Da Alex natürlich arbeitete, war ich den ganzen Tag mit dem schreienden Baby und teilweise unserem Zweijährigen alleine. Desöfteren spitzte sich die nervliche Situation schon recht zu, sodass ich Alex anrief und sagte er müsse von der Arbeit kommen und das Kind nehmen, sonst würde was passieren. Ich weinte jeden Tag vor Verzweiflung und Erschöpfung. Schlief nachts nicht, da die Gedanken kreisten, war ständig erkältet und hatte Kopf- und Ohrenschmerzen. Wir lasen viel im Internet über Schreiambulanzen, Schreikinder, Osteopathie und vieles mehr. Da Tom ein relativ großes und schweres Kind war und die Geburt recht zügig verlief, war er ein Kandidat für Blockaden und Verspannungen in den Gelenken und der Wirbelsäule. Diese Verspannungen sind ein unangenehmes Gefühl und schmerzen, vor allem wenn man zur Ruhe kommen möchte. Das kennen wir Erwachsenen ja auch, wenn wir mal verspannte Schultern haben dann schmerzt uns gleich auch der Kopf und man weiß nicht wie man liegen soll. Oder der Schmerz bei einem Hexenschuss. Genauso geht es dem Kind auch und es äußert sein Unwohlsein in lautem Geschrei. Wir entschieden uns, einen Kinderosteopathen aufzusuchen. Vorher wollten wir aber noch ausschließen lassen, dass Tom an keinem anderen organischen Leiden leidet und suchten den Kinderarzt auf, auch um dort ein Privatrezept für den Osteopathen zu erbitten (mit Rezept bezahlt unsere Krankenkasse einen Anteil der Kosten). Der Kinderarzt nahm uns überhaupt nicht ernst, er war der Ansicht, dem Kind ginge es gut. Das Problem läge bei uns Eltern. Wir wären gestresst und deshalb wäre auch das Kind gestresst und würde schreien. Der Höhepunkt war dann noch die Aussage: Wenn er unser Kind mit nach Hause nähme, dann würde Tom nicht schreien. Eine Frechheit, so etwas zu äußern!

Osteopathierezepte bei Kinderärzten schwer zu bekommen!

Das Ende vom Lied war, dass wir ohne Rezept die Praxis wieder verließen. Trotzdem vereinbarten wir einen Termin beim Osteopathen. Die Kosten von ca. 100€ wollten wir selber tragen. Die Behandlung war unsere größte Hoffnung, an die wir uns klammerten. Wir telefonierten noch mit unserer Krankenkasse und der Osteopathiepraxis, um herauszufinden, bei welchen Ärzten wir Rezepte bekommen könnten. Uns wurde schnell klar gemacht, dass kaum ein Kinderarzt Rezepte zum Osteopathen ausstellt. Ihnen fehlt das Wissen darüber und deshalb bezeichnen sie es als Modeerscheinung und Schwachsinn. Die Krankenkasse meinte, es sei egal welcher Arzt (selbst der Zahnarzt) das Rezept ausstellt und so bekamen wir doch noch eines von einem anderen Arzt ausgestellt.

Osteopathiebehandlung am Säugling

Die Sitzung beim Osteopathen verlief relativ entspannt. Die Osteopathin war auf Kinder spezialisiert und kümmerte sich ganz lieb um Tom. Sie tastete ihn am Rücken, Kopf und Becken ab und stellte fest, dass Tom 3 Wirbel in der Brustwirbelsäule und das Schlüsselbein verschoben hatte, zudem war noch eine Rippe eingeklemmt. Sie löste diese Blockaden behutsam. Tom weinte natürlich trotzdem, doch nur weil er Angst hatte und nicht vor Schmerzen.

Was passierte danach?

Ein paar Tage später konnte unser kleiner Schreihals sich über beide Seiten drehen. Vorher hatte er sich nie über die rechte Seite gedreht, was sehr auffällig war, da er sich schon monatelang über links drehen konnte. Beim Krabbeln öffnete er nun auch seine rechte Hand, die sonst immer zur Faust geballt war. Zudem fing er plötzlich an, essen zu wollen. Er hatte bis dato 8 Monate lang nur Milch trinken wollen und von heut auf morgen trank er nur noch 2 Flaschen Milch am Tag und den Rest aß er vom Familientisch mit.

Die Osteopathin sagte mir bei der Behandlung, dass Tom durch sein Alter schon recht beweglich ist und es deshalb sein kann, dass die Wirbel nochmal blockieren.

So war es wohl auch. Denn nach einiger Zeit wurde er wieder zunehmend unruhiger.

Als ich im November wegen meiner Schlafstörungen und ständiger Erkältung meinen Hausarzt aufsuchte und erzählte, dass mein Unwohlsein von Toms Schreianfällen herrührt, meinte dieser, dass ein Kind, das so viele Blockaden im Brustbereich hat, auch mit großer Wahrscheinlichkeit Blockaden im Kopfgelenk aufweist, das sogenannte Kiss-Syndrom (Kopfgelenkinduzierte Symmetriestörung). Er gab uns ein Rezept und die Telefonnummer eines Osteopathiespezialisten in Köln. Wir bekamen dort sofort einen Termin, als Alex die Dringlichkeit der Lage klarstellte.

Osteopathiebehandlung die zweite. 

In der Kölner Praxis wurde Tom erstmal ausführlich abgetastet, was bei ihm natürlich wilden Protest auslöste. Doch was muss, das muss und als er wieder auf Papas Arm war, war sofort wieder Ruhe im Karton. Es stellte sich heraus, dass Tom tatsächlich Blockaden im Kopfgelenk hatte und eine Blockade im Iliosacralgelenk, was für uns nun auch erklärte warum er beim Stehen immer mit um 90° nach außen gestellten Füßen stand. Um pathologische Schäden (Brüche, etc.) der Wirbelsäule aus zu schließen wurde Tom in einer benachbarten Praxis geröntgt. Sowas herzzerreißendes habe ich noch nicht an meinem Kind erlebt. Er wurde in einen Keil gelegt, dessen Aussparung die Form eines Kinderkörpers hat und darin festgeschnallt. Alex sollte nun die Bleischürze festhalten und ich Toms Kopf und dabei mit einem Finger den Mund aufhalten. Tom schrie und wehrte sich wie ein Verrückter. Ich hatte überhaupt nicht die Kraft, den Kopf so zu halten, dass er sich überhaupt nicht mehr bewegte. Alex und ich tauschten daraufhin die Positionen. Die Röntgenassistentin war total gestresst und nervös, weil Tom so laut schrie und dunkelrot war wie eine Tomate. Wir waren nassgeschwitzt als wir mit dem Röntgen (fix und) fertig waren. Die Aufnahme zeigte keine pathologischen Veränderungen. Nun ging es zurück zum Osteopathen. Dieser renkte Tom in innerhalb von ein paar Minuten sanft wieder ein.

Und jetzt?

Vier Monate nach der Behandlung müssen wir nun wieder zur Kontrolle. In der Zwischenzeit bekommt Tom einmal wöchentlich Physiotherapie nach Bobath.

Von unserem einstigen Schreikind ist ein ganz normaler kleiner Junge übriggeblieben.

Auch wir Eltern haben uns mittlerweile wieder soweit erholt.