Irgendwie ist es im Moment wieder unglaublich schwer, mit Tom vernünftig zu leben und mit ihm Unternehmungen zu machen. Die ganzen letzten Tage haben Anja und mich unglaublich viel Nerven gekostet. Deshalb habe ich mir jetzt ein Bier genommen und muss mir das alles mal von der Seele schreiben. Ein perfekter Zeitpunkt, um die Serie „Gedankenrausch“ einzuführen, in der wir ab sofort immer dann einen Beitrag verfassen, wenn uns etwas auf dem Herzen liegt.

Eben war es mal wieder so weit. Auf der Heimfahrt vom Zoogeschäft heute Mittag brüllte Tom sich mal wieder um den Verstand. Wir wissen meist überhaupt nicht, was er dann hat. Klar. Das muss Müdigkeit, ein Schub, Zahnweh oder das Verlangen nach Nähe sein. Das sind zumindest die häufigsten Meinungen, die wir mittlerweile bekommen haben. Wir können es aber einfach nicht mehr glauben und deshalb fällt es uns mittlerweile so unglaublich schwer, bei Weinkrämpfen sensibel und der Situation angemessen zu reagieren. Statt Verständnis zu zeigen, sind Anja und ich oft schnell genervt und das liegt daran, dass Tom für uns offensichtlich grundlos weint schreit, und das gerne auch mal eine Stunde am Stück.

Vielleicht muss ich hier kurz ausholen und noch einmal erzählen, dass Tom ein Schreikind war. Anja hat auch in einem früheren Post einmal darüber berichtet. Er hat wirklich oft beinahe den ganzen Tag geschrien, was vor allem Anja während ihrer Elternzeit damals zu spüren bekommen hat und was an uns beiden nicht spurlos vorbei gegangen ist. Wir sind daraufhin zu unserem ehemaligen (!) Kinderarzt gegangen, der uns allen Ernstes gesagt hat, es läge an uns und würde er das Kind mitnehmen, wäre es ruhig. Da er uns das Rezept für den Osteopathen verweigert hatte, machten wir auf eigene Faust einen Termin und es wurde uns sehr gut geholfen. Tom hatte eine Blockade in einem Halswirbel und das war der Grund für sein Schreien. Nach fünf Minuten war die Blockade entfernt. Aus Tom wurde in den Wochen nach der Behandlung am 18.12.2014 ein normales Kind. Temperamentvoller als sein Bruder, aber normal.

Seitdem ist ziemlich viel Zeit vergangen, zumindest für das Leben eines Anderthalbjährigen. Erst Anfang Juni war ich mit ihm in Köln zur Nachuntersuchung: Alles in Ordnung. Lediglich eine Blockade am Übergang zwischen Brust- und Lendenwirbel. Laut dem Osteopathen völlig normal für ein Kind, das Laufen lernt und sich ständig aufrichtet.

Jetzt hat Anja drei Wochen Urlaub, ich eine, und Tom zeigt sich mal wieder von seiner anderen Seite. Schon in den letzten Wochen war es schwieriger als sonst, ihn abends in’s Bett zu bekommen. Er war immer sehr unruhig, wollte oft wieder aufstehen und brüllte sich manches Mal in den Schlaf, obwohl wir regelmäßig in sein Zimmer gingen. Das konnte man mit Sicherheit teilweise auf die Hitze zurückführen, die leider gerade die Kinderzimmer im Dachgeschoss oft stark aufheizt. Es war aber auch an vielen anderen Abenden so, natürlich meistens dann, wenn wir eigentlich bei den Nachbarn zum Geburtstag eingeladen waren, Besuch kam oder wir genau an diesem einen Abend mal nichts machen wollten. Dann konnte halt einer nicht mit bzw. der Abend war im Eimer.
Nun schreit er aber auch tagsüber oft oder will sogar nachts in unser Bett, wo er sich dann wälzt. Wenn wir etwas unternehmen, ist es oft ein Glücksspiel, ob es klappt oder nicht.

Tom scheint nicht wirklich Trost zu wollen, weil er sich nicht drücken lässt, nicht ruhig auf unserem Schoß sitzen oder unserer Brust liegen bleiben will und bei den Schreikrämpfen auch keinen Schnuller annehmen möchte. Wir sind wirklich ratlos. Dass dieses Schreien nicht normal ist, merken wir auch dadurch, dass wir nun schon mehrfach im Freundeskreis gefragt wurden, ob Tom immer so laut brüllt und dass es wirklich heftig sei. Unser Nachbar hat mir letztens erzählt, dass er ihn schon morgens auf der Straße gehört hat, als er zur Arbeit gefahren ist. (Wie gesagt: Tom schläft in der zweiten Etage – der Nachbar wohnt drei Häuser neben uns)

Natürlich suchen wir auch Fehler bei uns: Uns ist zum Beispiel aufgefallen, dass wir mit Jan immer unglaublich viel gelesen haben. Sei es tagsüber oder abends, bevor er in’s Bett ging. Das haben wir mit Tom in der Form noch nie gemacht, da er sich bis vor kurzem nie für Bücher interessiert hat. Mittlerweile kommt er hin und wieder mit einem an und dann lesen wir es natürlich auch mit ihm. Wir haben daher gestern und heute damit begonnen, mit ihm auch abends ein Buch anzuschauen. Wir möchten unser Abendritual, das bisher hauptsächlich daraus bestand, noch einmal zusammen aus dem Fenster zu sehen, komplett überarbeiten. Wir möchten Tom mehr Aufmerksamkeit widmen. Aber wird das auch die Probleme lösen, die wir tagsüber mit ihm haben?

Heute Mittag mussten wir etwas bei meiner Oma abholen und sind extra zu viert gefahren, um sie und meinen Opa noch einmal zu besuchen. Es endete dann aber mal wieder darin, dass wir nur gehalten haben, ich hinein gegangen bin und wir wieder gefahren sind, da Tom das Auto zusammengeschrien hat und sich nicht beruhigen ließ. Und genau da war es wieder, wie so oft mussten wir drei uns anpassen, obwohl wir gerne dort geblieben wären. Sicher, eine Kette ist immer nur so stark wie das schwächste Glied, wir haben das immer respektiert und uns danach gerichtet. Aber wir haben eigentlich gedacht, dass wir aus der Zeit raus sind, wo Verabredungen fünf Minuten vorher abgesagt werden Das erinnert mich dann immer an die ganz schlimmen Zeiten damals, als wir teilweise völlig isoliert gelebt haben, weil man unseren Besuch einfach keinem zumuten konnte.

Mir ist auch schon die Idee gekommen, dass es vielleicht deshalb im Moment besonders schlimm ist, weil wir uns nur den ganzen Tag sehen und die Kinder nicht wie sonst zur Tagesmutter gehen. Vielleicht fehlt Tom diese Abwechslung und er ist sonst ausgeglichener. Vielleicht sind wir auch mittlerweile so eingefahren, wenn wir Gebrüll hören, dass wir zu wenig fürsorglich und zu sehr genervt sind.

Wir haben uns jetzt vorgenommen, nächste Woche mal die neue Kinderärztin nach ihrer Meinung zu fragen. Wir haben dann sowieso einen Termin, da die Kinder für den Kindergarten eine Bescheinigung benötigen. Wir werden ihr die Situation einmal schildern und hoffen, dass sie uns ernst nimmt. Außerdem werden wir das neue Abendritual weiterführen. Vorlesen kann nicht schaden. Und wir fahren seit ein paar Tagen eine klare Linie bspw. wenn Tom jemanden haut. Möglicherweise hat auch das gefehlt.

Trotz alledem haben wir Tom natürlich total lieb und in seinen „guten Momenten“ kann er auch zuckersüß sein, das muss ich noch einmal betonen. Nichtsdestotrotz bringt er uns gerade an unsere Grenzen.

Oh je, ganz schön lang geworden, aber das lag mir gerade auf dem Herzen. Ich würde mich sehr über Ideen freuen und mache mir jetzt das dritte Bier auf 🙂