Die Pralinen des Ferdinand Mending.

 

Kapitel 4 (Teil 1)

Die Sache mit Armins Handy wollte ihr nicht einleuchten.
„Da stimmt etwas nicht“.
Sie versuchte erneut ihn anzuwählen, aber ohne Erfolg. Constanze musste sich beruhigen. Sie stieg in ihr Dachstudio hoch.
Vor kurzem hatte sie das Angebot des Institutes angenommen, als freie Mitarbeiterin von zu Hause aus zu arbeiten. Ihr perfekt eingerichteter Heimarbeitsplatz im Dachstudio animierte sie geradewegs zur Arbeit. Ihre Aufgabe bestand darin, die Dozenten bei der Vorbereitung der Vorlesungen zu unterstützen und an wissenschaftlichen Gemeinschaftspublikationen zu schreiben. Diese Tätigkeiten ging sie gewissenhaft an. Sie war froh über diese neuen Herausforderungen. Sie stand nicht in direkter Schusslinie und war in der Lage langsam in ihren alten Beruf zurückzufinden. Momentan unterstützte sie Sabrina, die zusammen mit zwei amerikanischen Kollegen ein Fachbuch schrieb. Ferdinand hatte von alledem noch nichts erfahren. Das Büro konnte ihn nicht misstrauisch machen, da er selbst bei der Einrichtung geholfen hatte. Geholfen, damit Constanze sich, natürlich nach seinen Vorstellungen, verwirklichen konnte. Verwirklichen in der einsamen Sternenkunde. Auch das technische Equipment, wozu sowohl eine hochwertige PC-Anlage mit 21-Zoll-Monitor und Farblaserdrucker, als auch ein Teleskop, gehörte, hatte er generös beigesteuert.
Sie hatte bereits ihren Rechner hochgefahren und sich ins Uni-Intranet eingewählt. Nachdem sie ihren Benutzernamen und ihr Passwort eingegeben hatte, wurde ihre persönliche Arbeitsumgebung angezeigt.
Sie arbeitete an einem Kapitel, dass sie gemeinsam mit Sabrina schrieb. Die Originaldokumente und alle konzeptionellen Daten lagen auf dem Uni-Server. In einem verschlüsselten Verzeichnis auf ihrer lokalen Festplatte hatte sie Kopien gespeichert. Für alle Fälle. Heute wollte sie sich mit der Arbeit lediglich ablenken. Vergeblich. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn auf dem elektronischen Blatt Papier etwas niederschreiben. Am Morgen, während sie unter der Dusche stand und der warme Regen auf ihre Haut perlte, hatte sie sich bereits ein paar Sätze zurechtgelegt. Doch sie waren verschwunden. Sie schaute sich in ihrem Büro um, als ob die verlorenen Formulierungen hier irgendwo herum lägen. Ihre Erinnerung streikte. Gemeinsam mit den Wassertropfen hatten die Worte anscheinend die Reise durch den Abfluss in das städtische Kanalsystem angetreten.
Bei ihrer gedanklichen Reise durch ihr kleines Reich, bemerkte sie, wie sehr Ferdinand auch hier Einfluss genommen hatte. Ihr Reich hatte er gestaltet, mit ihr oder mehr noch: für sie. Seines hatte er auch hergerichtet, ohne sie.
„Verrückt“, dachte sie, „er sitzt oft unten in seinem Labor im Keller und ich oben und beobachte die Sterne.“
So hatte jeder von ihnen beiden einen Zufluchtsort im Haus. Er sein Labor, sie ihr Dachstudio. Manchmal flüchtete sie auch in die Gartenarbeit. Lieber aber, war sie hier oben. Manchmal kam er hoch zu ihr und sie saßen nur da und beobachteten gemeinsam die Sterne. Das waren seltene und kurze Glücksmomente. Offiziell ging sie nie in seinen Keller. Er wollte es nicht, denn da unten war seine kleine und geheime Welt. Nachdem sie aber vor einem Jahr herausgefunden hatte, wo er den Schlüssel deponierte, war sie ein paar Mal die Stiegen hinunter geklettert und ein perfekt eingerichtetes Labor vorgefunden.
*
Mending zog seinen Mantel an, nahm seine Tasche und den Rucksack von Armin Wendt an sich. Das Handy nahm er heraus und entfernte die Simkarte. Er steckte sie ein. Beides würde er später entsorgen. Aus dem Rucksack nahm er die Papiere und steckte sie ein. Auch die würde er später verschwinden lassen. In zwei Minuten sollte der Zug in Münster einlaufen. Er würde aussteigen und mit dem nächsten Zug nach Bonn zurückfahren. Und natürlich wieder in bar bezahlen. Mit dem Auto wollte er dann nach Hamburg fahren. Er war nie in diesem Zug. Er fuhr schließlich nie mit der Bahn. Er kicherte in sich hinein.
Zwei Minuten nach zehn stand er auf dem Bahnsteig des Gleises zwölf des Hauptbahnhofes von Münster. Der Zug hatte sich ein paar Minuten verspätet. Er ging sofort zur Auskunftstafel und suchte die Verbindungen nach Bonn. Um neun nach zehn konnte er mit dem Regionalexpress nach Hamm fahren und von da aus mit dem ICE weiterreisen. Das war zu knapp. Er entschied sich für den Intercity, der in einer halben Stunde abfuhr. So hatte er genügend Zeit das Ticket zu kaufen und vielleicht noch einen frisch gepressten Orangensaft zu trinken. Zuerst suchte er eine Toilette auf, zerschnitt mit seiner edlen Kosmetikschere die Papiere des Schwächlings und spülte sie zusammen mit der Simkarte die Toilette herunter. Er spülte dreimal nach. Er war zufrieden. Constanze gehörte ihm wieder alleine. Er entschloss sich, seine vorzeitige Pensionierung voranzutreiben. Er machte in seinem Leben stets alles richtig, nur einen einzigen Fehler kreidete er sich an. Er ließ Constanze zu oft allein. Da musste sie ja auf dumme Gedanken kommen. Das würde sich ändern. Er wollte nur noch für sie da sein.
„Nein, ich weiche nicht mehr von ihrer Seite. Sie wird glücklich sein“, dachte er, während er sich in eine kurze Schlange vor dem Ticketschalter stellte. „So glücklich, wie Sarah es immer war.“
Die Fahrt zurück nach Bonn verlief ruhig. Er blätterte im Focus und hörte dazu Musik. Bei dem Artikel „Mann schlug Mutter tot und prozessiert seit 14 Jahren um seinen Pflichtteil am Erbe“ blieb er hängen und vertiefte sich in die Thematik:
Seit 14 Jahren prozessiert ein Mann, der seine Mutter erschlagen hatte, in dem wohl bizarrsten Erbstreitfall der Republik um den Pflichtteil an seinem Erbe. Mitte der Neunziger hatte der damals 36-jährige Täter im elterlichen Haus seine Mutter mit einem Eisenrohr erschlagen. Das Schwurgericht hielt den seelisch kranken Täter für schuldunfähig und wies ihn in die Psychiatrie ein. Zehn Monate nach der Tat verklagte sein Betreuer den jüngeren Bruder und Alleinerben auf die Herausgabe des Pflichtteiles aus dem mütterlichen Nachlass. Die Mutter hatte allerdings ihren Sohn Wochen vor ihrem Tod in einem neuen Testament enterbt, „weil er mich nachweislich oft körperlich misshandelt und dadurch meinen evtl. plötzlichen Tod in Kauf nimmt.“
Nach Paragraf 2333, Nr. 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist dies eine der wenigen Möglichkeiten, die Nachkommen gänzlich vom Erbe auszuschließen. Dennoch sprachen die Gerichte dem Täter den Pflichtteil zu. Erst als der jüngere Bruder Peter 2005 mit einer Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht siegte, wendete sich das Blatt. Die Neuauflage des Erbprozesses lief derzeit beim Oberlandesgericht, das Urteil stand für Ende November an.
Ferdinand konnte es nicht fassen. Er verabscheute den gewalttätigen Sohn der toten Mutter. In Gedanken an seine eigene geliebte Mutter kochte eine Wut in ihm hoch, die er zwar kannte, aber selten zuließ. Im Schutz der Bahnfahrt war es ihm möglich seine Gefühle zumindest gedanklich auszuleben. Er erwürgte den um Gnade winselnden Sohn und warf ihn in einen geöffneten Müllcontainer. Tausende Ratten machten sich über ihn her. Dazu erklang seine geliebte Tosca-Oper.
*
Um halb ein Uhr mittags entstieg er im Bonner Hauptbahnhof dem Intercity, der bis nach Luxemburg weiterfuhr. Auf schnellstem Weg ging er zum City-Parkhaus, bezahlte an einem Automaten sein Parkticket und ging zu seinem Stellplatz. Er erschrak, als er um die Ecke bog und in Entfernung eine Bekannte von Constanze sah, die einen Karton in den Kofferraum wuchtete. Sie blickte auf und wollte grüßen. Er aber beachtete sie nicht und hielt drei Wagen vor seinem eigenen, an einem roten Van an und tat so, als ob er die Autoschlüssel in seinen Taschen suchte. Sie stieg ein, startete ihren kleinen Japaner, fuhr an ihm vorbei und dachte, dass sie sich getäuscht hatte. Er atmete auf. Gut, dass sie ihn nicht angesprochen hatte. Sie waren sich nur einmal begegnet, als er Constanze vom Qi-Gong-Kurs abgeholt hatte.
Er stellte seine Tasche im Kofferraum ab, zog seinen Mantel aus, legte ihn einmal gefaltet auf den Rücksitz und stieg ein. Eine halbe Stunde später war er bereits auf der Autobahn eins über den Rhein gefahren. Rechter Hand sah er die Leverkusener BayArena mit dem Lindner Hotel.
„Wenn ich gut durchkomme, schaffe ich den Abendtermin noch, ohne mich zu verspäten. Gut, dass ich keine früher liegenden Termine vereinbart hatte“, dachte er, als er auf dem Beschleunigungsstreifen Gas gab.
Er hatte den heutigen Tag nur als Reisetag eingeplant, ohne Termine. Der Termin am Abend war privat. Er hatte sich mit Harald Schweitzer, der auf einer Ärztetagung in Hamburg war, verabredet. Nachmittags hatte er sich vorgenommen, durch die Stadt zu bummeln. Das fiel jetzt aus.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend…