Die Pralinen des Ferdinand Mending.

 

Kapitel 3 (Teil 3)

Ja, das war des Rätsels Lösung! Sie erinnerte ihn an Constanze. Wie Wendts Freundin hatte sie rötliches Haar. Außerdem, sportliche Betätigung und danach ins Kino, das war eine außergewöhnliche Kombination für einen netten Abend, an der jedoch möglicherweise auch Constanze Gefallen gefunden hätte. Ihm lagen weder körperliche Aktivitäten noch Kinobesuche. Er war eher der Typ Denksportler, der für eine gute Partie Schach immer zu haben war, wenn ein würdiger Gegner zur Verfügung stand. Und der Besuch eines Lichtspielhauses hielt nun mal keinen Vergleich mit einer Oper, einem klassischen Konzert oder einem niveauvollen Theaterstück.
Selbst ein Programmkino mit wertvollen Filmen konnte da nicht mithalten. Seine Constanze war nicht nur auf Leinwand-Unterhaltung für Hinz und Kunz fixiert. Wenn er übermorgen Abend wieder nach Hause käme, würden sie sich nach einem leichten Abendessen bei einer guten Flasche Wein Smetanas Moldau oder den Freischütz von Karl Maria von Weber anhören. Er nahm sich vor, auch noch ein paar Seiten in Helmut Schmidts neuem Buch zu lesen. Politisch war Mending eher konservativ orientiert und dem rechten Parteienspektrum zuzuordnen. Wie sein Vater es ihm vorgelebt hatte. Als junger Erwachsener hätte er sich eher als liberal-konservativ bezeichnet. Dennoch oder gerade deswegen schätzte er den Sozialdemokraten Helmut Schmidt als einen der fähigsten Politiker, die Deutschland je hervorgebracht hatte, und sein im September erschienenes Werk Außer Dienst – Eine Bilanz war ein bemerkenswertes Potpourri aus Politikunterricht, Erinnerungen und Einschätzungen sowie einer kritischen Reflexion eigener Fehler.
„Was haben sie gerade gesagt?“, reagierte Armin Wendt auf den Seufzer.
Mending, der sich keine Blöße geben wollte, improvisierte geschickt:
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich frage. Aber ich bin soeben Zeuge Ihres Telefonates geworden. Reisen Sie wahrhaftig nur für einen Tag nach Hamburg? Was für eine Strapaze!“
„Ja, ich fahre quasi nur nach Hamburg, um mir heute Abend in der Color-Line-Arena ein Bundesliga-Handballspiel anzusehen. HSV gegen TBV Lemgo. Morgen nach dem Frühstück vielleicht noch etwas Sightseeing und dann geht`s zurück nach Köln. Meine Freundin hat morgen Abend viel mit mir vor. Schwimmen und anschließend ab ins Kino.“
„Ihr morgiges Abendprogramm habe ich bereits mitbekommen, war ja nicht zu überhören.“
Die unerwartete Schärfe in Mendings Worten irritierte Armin Wendt für einen Moment. Aber Mending hatte sich schnell wieder gefangen und fuhr ruhig fort:
„Welchen Film wollen Sie sich ansehen?“
„Das überlasse ich in der Regel meiner Freundin. Für morgen hat sie uns ein deutsches Beziehungsdrama mit Kai Wiesinger ausgesucht. Unschuld heißt das Werk. Aber es wäre für mich keine große Überraschung, wenn wir letzten Endes in Robert Redfords neuem Film Von Löwen und Lämmern landen. Meine Freundin ist komplett vernarrt in diesen Redford. Wenn der nicht schon 72 Jahre alt wäre, könnte ich glatt eifersüchtig werden. Ich verstehe nicht, was die an dem findet.“
Mending war verdutzt. Schon wieder eine Parallele. Auch Constanze vergötterte diesen amerikanischen Filmstar. Er selbst konnte Robert Redford nicht ausstehen. Welcher Mann fand schon Gefallen an einem Nebenbuhler?
„Der verstorbene Mann meiner Freundin hatte einen richtigen Hass auf den guten Robert geschoben. Der Typ war so extrem, dass sie sich nicht traute, in seiner Gegenwart Redford-Filme anzuschauen. Und wer muss das Ganze nun ausbaden? Ich! Sie holt jetzt alles nach. Zu meiner Sammlung gehören Der Pferdeflüsterer, Der Clou, und Der große Gatsby. Dabei mag ich viel lieber Western mit John Wayne und die alten Heinz-Rühmann-Schinken. Unter uns gesagt, meine Freundin meint, ich hätte einen guten Geschmack, was Frauen angeht, aber in Sachen Filmkunst,da wäre mein Geschmack für`n …,na, Sie wissen schon was ich meine.“
Ferdinand Mending murmelte unverfänglich: „Oh ja, so sind sie nun mal, die Frauen“, und versteckte sich wieder hinter der FAZ.
Er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als einzugestehen, dass auch er alte Western mochte und über den einzigartigen Humor Heinz Rühmanns lauthals lachen konnte. Niemals durfte das an die Öffentlichkeit. Seine Reputation als anspruchsvoller Freund der schönen Künste wäre angekratzt. Selbst Constanze wusste nichts davon. Nur wenn seine Frau ausnahmsweise nicht zu Hause war oder vor ihm ins Bett ging, sah er sich ab und zu auf dem 42-Zoll-Plasma–Fernseher im Wohnzimmer einen der Filmklassiker an. Der Selbsthass, in den er sich jedes Mal danach stürzte, erinnerte ihn an einen Junkie, der sich wegen seiner Gier nach Drogen verabscheute.
Ferdinand Mending konnte sich einfach nicht auf den Artikel über die Bildungsmisere an den deutschen Universitäten konzentrieren. Eine plötzliche Eingebung lenkte ihn ab. Konnte es sein, dass er der verstorbene Ehemann war? Blödsinn! Was für eine Schnapsidee! Die Ähnlichkeiten zwischen seiner Constanze und Wendts Freundin waren reiner Zufall. Weshalb überkam ihn immer dieses überwältigende, quälende Gefühl, wenn seine Einbildungskraft ihm vorgaukelte, Constanze könnte untreu sein? Wie eine Stichflamme schoss diese verfluchte Empfindung in seinem Körper hoch. Magenkrämpfe, Herzrasen und Angstzustände, die manchmal in Panikattacken endeten, trieben ihn in den Wahnsinn. Er musste das in den Griff bekommen. Sonst würde ihre Beziehung eines Tages in einer Katastrophe enden. Aber wo sollte er ansetzen? Professionelle Hilfe würde er keinesfalls in Anspruch nehmen. Diejenigen, die sich beruflich mit der Psyche des Menschen auseinandersetzten, hatten doch keine Ahnung und waren selbst reif für die Anstalt. Auf einer Geschäftsreise nach Berlin, die etwa zwei Jahre zurücklag, hatte er in der Bistro-Bar im Sony-Center zufällig einen Psychiater kennengelernt. Der Mann war ihm auf Anhieb sympathisch. Nach ein paar Gläsern Wein hatte er Vertrauen gefasst und von seinen Problemen berichtet. Er hätte es besser wissen müssen. Der Mann war ein Scharlatan, wie alle anderen Seelenklempner auch. Er erinnerte sich genau an dessen abstruse These.
„Herr Mending, Sie leiden unter starker Eifersucht.“
Einfach lächerlich, ebenso wie seine weiteren Ausführungen: „Eifersucht, oft gepaart mit Verlustängsten, ist nichts Unnatürliches, denn man kann sie wie die Trauer durchaus als normalen psychischen Affektzustand bezeichnen. Auch wenn Sie sich bereits in einer pathologischen Phase befinden, besteht kein Grund zur Besorgnis. Ich gebe Ihnen morgen ein von Wolf Jordan entwickeltes Konzept mit Verhaltensmaßregeln und Strategien gegen die Eifersucht an die Hand. Wenn Sie die befolgen, geht es Ihnen bald besser.“
Mending war nach dieser Demonstration von Unfähigkeit wortlos aufgestanden und, ohne den verdutzten Psychiater eines weiteren Blickes zu würdigen, zu seinem Hotel gegangen. Er war nicht eifersüchtig! Eifersucht, hinter der sich Selbstzweifel und Angst verbargen, war ein Vorrecht der Schwachen. Starke Menschen erlaubten sich eine derartige Gefühlsregung nicht. Menschen, die mit beiden Beinen im Leben standen, suchten ihr Heil nicht in der Flucht. Sie suchten die Offensive. Ferdinand Mending wusste ganz genau, was er zu tun hätte, wenn ein anderer Mann seine Finger nach Constanze ausstreckte. In Eifersüchteleien würde er sich jedenfalls nicht flüchten. Constanze gehörte ihm. Nur ihm. Für immer und ewig.
Egal, was bei ihm Herzrasen und Unwohlsein verursachte, ein Zugabteil war nicht der richtige Ort für dieses Thema. Hier war schnelle Abhilfe gefragt. Erfahrungsgemäß würde ihn ein Telefonat mit seiner Frau im Handumdrehen auf andere Gedanken bringen. Kurz überlegte er, ob er das Abteil für die Dauer des Gespräches verlassen sollte. Aber da sein Abteilnachbar bei dem Anruf vorhin auch nicht auf den Flur gegangen war, bestand hierzu kein Anlass. Wendt konnte ruhig hören, was für eine gute Ehe er führte.
*
„Guten Morgen, Constanze. Ich wollte mich nur kurz von unterwegs melden. Hast Du die Pralinen auf deinem Frühstücksgedeck gefunden? … Gern geschehen, lasse sie dir schmecken. … Voraussichtlich werde ich gegen Mittag in Hamburg sein und vor der ersten Besprechung noch eine Kleinigkeit im Deichgraf zu mir nehmen. … Ja, das ist das vorzügliche Restaurant in der Altstadt, in dem uns letztes Jahr dieser köstliche Steinbutt im Brickteig mit Limonen-Kartoffelpüree und Zuckerschoten serviert wurde. … Nein, ich denke nicht, dass ich vor 22 Uhr im Hotel sein werde. Sobald ich eingecheckt habe, rufe ich dich noch einmal an. … Dann bis heute Abend.“
Ferdinand Mendings Gesichtszüge hatten sich entspannt. Er lächelte. Armin Wendt hingegen verlor schlagartig die Kontrolle über seine Gedanken und Gefühle.
„Constanze, Pralinen. Nein, das ist unmöglich. Meine Fantasie spielt mir einen Streich“.
Kalter Schweiß brach ihm aus und sammelte sich in den kleinen Falten auf seiner Stirn. Das Atmen fiel ihm schwer.
„Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich behilflich sein?“, fragte Mending.
Seine Stimme klang mitfühlend, obschon es in seinem Inneren brodelte. Während des Gespräches mit seiner Frau war ihm die Irritation in Armin Wendts Augen nicht entgangen. Er besaß sehr fein justierte Antennen, um die Reaktion anderer Menschen frühzeitig abschätzen zu können. Und jetzt zeigten sich bei Wendt auch noch die Vorboten eines Asthmaanfalls. Es lag auf der Hand, dass sein Telefonat mit Constanze ihn aus der Bahn geworfen hatte. Und wenn er es recht bedachte, gab es dafür nur einen triftigen Grund.
„Sorry, Herr Mending. Ich komme schon zurecht. Ein wenig frische Luft, und alles ist wieder in Ordnung.“
Mit diesen Worten verließ Armin Wendt das Abteil. Auf dem Gang des Waggons zog er ein Fenster herunter, hielt seinen Kopf in den Fahrtwind und atmete für zwei Minuten die frische Herbstluft tief ein. Nachdem er das Schiebefenster wieder geschlossen hatte, machte er sich auf den Weg zur Toilette.
Ferdinand Mending zog inzwischen seine Schlüsse aus den gemachten Beobachtungen: „Hat mich mein Instinkt doch nicht betrogen? Sollte Wendt, dieses Würstchen, tatsächlich der Liebhaber meiner Frau sein? Kann ich mir bei Constanzes erlesenem Geschmack gar nicht vorstellen. Außerdem, so was passiert doch nur in einem schlechten Film, dass Ehemann und Geliebter in einem beschissenen Zug aufeinandertreffen und sich dort gegenseitig demaskieren.
Andererseits: Das Leben schreibt Geschichten, die sich kein Mensch ausdenken kann. Ich muss mir Gewissheit verschaffen.“
Als er sah, dass Armin Wendt sich nach rechts wandte und den Gang hinunterging, durchsuchte er die Innentaschen von dessen Lederjacke.
Er deaktivierte die Tastensperre des Handys, öffnete die Anrufliste und sah, dass Wendt zuletzt mit „CM“ telefoniert hatte. Das passte. Constanze Mending. Auch die angezeigte Mobilfunknummer kam ihm auffallend bekannt vor. Das war doch die Nummer seiner Frau, oder? Er verfluchte sein miserables Zahlengedächtnis. Mit einem Mal umspielte ein zufriedenes Lächeln seine Lippen. Er würde auf der Stelle alle Zweifel aus dem Weg räumen.
Nachdem er durchgewählt hatte, klingelte es dreimal. Dann wurde abgehoben.
„Hallo Schatz“, sagte eine Frauenstimme, die er bestens kannte. Schatz hatte ihn die Stimme vor langer Zeit auch genannt. Heute sprach sie ihn, wie es sein Wunsch war, mit dem Vornamen an. Mending legte auf, ohne ein Wort erwidert zu haben, steckte das Handy in die Jacke zurück und schlug mit der rechten Faust wütend gegen den Stahlrahmen des Gepäcknetzes. Ein heftiger Schmerz schoss ihm in die Hand. Der Schmerz tat gut. Er lenkte ihn von Wut und Trauer ab. Gerade jetzt musste er seine sieben Sinne beisammenhalten.
Armin Wendt war noch nicht zurück. Mending setzte sich auf, holte tief Luft und dachte nach: „Das muss alles einen tieferen Sinn haben. Es kann kein Zufall sein, dass mich das Schicksal mit Wendt zusammengeführt hat. Eine höhere Macht hat mir die Entscheidung abgenommen. Ich muss handeln.“
Letzte Zweifel waren wie Staub im Wind zerstoben. Entschlossen stand er auf, nahm Armin Wendts Asthmaspray aus dem Rucksack und warf es irre kichernd in hohem Bogen aus dem Abteilfenster. Das Spiel konnte beginnen.
„Ach Wendt, du hast dir die falsche Freundin ausgesucht. Auch wenn die clevere Constanze dich verarscht hat und Du meintest, ich sei tot, kann ich Dir den Ehebruch nicht durchgehen lassen. Das verstehst Du doch, oder? Unwissenheit schützt nun mal vor Strafe nicht! Nimm es nicht persönlich. Bei unserer Eheschließung hat mir Constanze vor Gott ewige Treue bis in den Tod geschworen. Wenn Du nicht mehr da bist, kann sie ihr Treuegelübde wieder einhalten. Und weißt du, was das Beste ist? Nein? Ich erkläre es Dir gerne: Sofern ich dich umbringe, lade ich keine Schuld auf mich! Ich vollstrecke bloß ein Gottesurteil“, sagte Ferdinand Mending ruhig zu dem leeren Sitz ihm gegenüber.
Danach vertiefte er sich in seine Zeitung, als wäre nichts geschehen.
Aus dem Spiegel starrte Armin Wendt ein beunruhigtes Gesicht entgegen. Der Schrecken war ihm in die Glieder gefahren. Hatte er wirklich den angeblich verstorbenen Ehemann seiner Freundin kennengelernt? Blödsinn. Constanze würde ihn nie belügen. Seine Fantasie hatte ihm einen üblen Streich gespielt. Er musste sich beruhigen. Bloß keine weitere Aufregung. Er spritze sich kaltes Wasser ins Gesicht, trocknete sich mit einem Papierhandtuch ab, öffnete die Toilettentür und ging zu seinem Abteil zurück.
„Na, Herr Wendt, fühlen Sie sich besser?“, fragte Mending und grinste dabei.
„Es geht schon wieder, danke.“
Armin Wendt setzte sich auf seinen Platz und schaute aus dem Fenster. Draußen rauschten Felder und baumbestandene Wiesen vorbei. Dazwischen vereinzelte Gehöfte, die sich in der tristen Herbstlandschaft wie bunte Farbtupfer ausmachten. Ein beruhigendes Bild. Nach und nach fiel die Spannung von ihm ab, bis unerwartet sein Handy klingelte. It´s a Kind of Magic. Also war Constanze in der Leitung. Blindlings griff er in die linke Innentasche seiner Lederjacke, die mit dem Reißverschluss. Er griff ins Leere, stutzte und durchsuchte die Jacke. In der speziellen Handytasche wurde er fündig. Dort verstaute er sein Handy doch nie. Auch die Tastensperre war nicht aktiviert. Merkwürdig.
„Wovon sprichst Du? … Nein, hab` ich nicht. Ich höre zwar gerne Deine Stimme, aber anrufen und dann nichts sagen, das ist nicht meine Art. … Klar ist das eigenartig, dass meine Nummer auf dem Display stand. Trotzdem, ich habe dich nicht angewählt. Ich schwöre. … Ja, was weiß denn ich? Vielleicht hat einer mein Handy gehackt. … Klar doch, wenn das nochmal vorkommt, setze ich mich mit dem Netzbetreiber in Verbindung. … Ich dich auch. Ciao“, sagte Armin Wendt aufgewühlt und legte auf.
Ein fahriger Blick auf die Anrufliste bestätigte seine Vermutung. Als er auf dem WC war, musste Mending mit seinem Handy Constanze angerufen haben. Verdammt noch mal. Hegte Mending etwa auch den Verdacht, dass sie beide womöglich mit ein und derselben Frau zusammen waren? Wollte er das mit dem Anruf überprüfen? Immerhin hatte er einiges über seine Freundin erzählt und es gab offenkundig diese und jene Gemeinsamkeit.
Armin Wendt grübelte nervös vor sich hin: „Jetzt bloß nicht in Panik verfallen. Also, wenn das ein Testanruf war und ich allen Ernstes eine Affäre mit Mendings Frau hätte, würde er ganz sicher nicht seelenruhig die Zeitung weiterlesen. Der hätte mich sofort zur Rede gestellt. Werte wie Moral und Ehre stehen bei Typen wie Mending ganz oben auf der Liste. Nee, wenn sich sein Verdacht bestätigt hätte, würde er mich zum Duell auffordern.“
Armin Wendt wusste, dass er Mending wegen der Sache mit dem Handy zu Rede stellen müsste, doch er war nicht von der Vorstellung begeistert, sich mit dem alten Herrn auseinanderzusetzen. In zwei Stunden würden sie in Hamburg sein, wo sich ihre Wege trennten. Er beschloss, sich bis dahin nichts anmerken zu lassen.
Mending freute sich, als er sah, wie Armin Wendt nach dem Telefongespräch die Farbe wechselte:
„Dieser armselige Ehebrecher weiß nicht, wo er dran ist. Jämmerliche Kreatur.“
Schleunigst würde er noch ein paar Reizpunkte setzen. Wendt durfte nicht zur Ruhe kommen.
„Herr Wendt, darf ich fragen, was sie beruflich machen?“
„Ich bin freiberuflicher Mediengestalter, und Sie arbeiten als Apotheker?“
„Als studierter Apotheker leite ich die Forschungsabteilung eines renommierten Pharmakonzerns. Leider habe ich in meiner Funktion kaum noch Zeit, selbst forschend tätig zu sein. Ich bin viel unterwegs, koordiniere weltweit die Zusammenarbeit mit etlichen Universitäten, bereite Zulassungsverfahren vor und betreue persönlich wichtige Kunden vor der Markteinführung neuer Medikamente. Diese administrativen Aufgaben nehmen beinahe meine ganze Arbeitszeit in Anspruch. Aber im Keller meines Hauses habe ich mir ein gut ausgestattetes Labor eingerichtet.“
„Und was erforschen Sie da?“
„Überwiegend beschäftige ich mich mit Toxikologie. Ich entwickle Antidote.“
„Wie bitte?“
„Entschuldigung, ich vergaß, dass Sie nicht vom Fach sind. Als Antidote bezeichnen wir Mittel, die beispielsweise die Toxizität einer Substanz vermindern oder deren Verstoffwechselung beschleunigen können. Vereinfacht ausgedrückt, Antidote sind Gegengifte.“
„Das klingt aber interessant.“
„Ist es auch. Sie glauben gar nicht, gegen wie viele tödliche Gifte noch kein Kraut gewachsen ist. Ganz im Vertrauen, ich lagere in meinem Kellerlabor genügend toxische Substanzen, um eine Großstadt wie Köln auszulöschen. Das ist natürlich nicht ganz legal. Aber man muss seinen Feind nun mal genauestens erforschen, bevor man ihn erfolgreich bekämpfen kann. Überdies ist es ein erhebendes Gefühl, Herr über Leben und Tod zu sein. Wissen Sie, einige meiner Gifte sind richtige Raritäten. Sie wirken in kleinsten Dosen, töten in Sekundenschnelle und sind absolut nicht nachweisbar.“
Armin Wendts Nerven waren nun wieder zum Zerreißen gespannt. Er schnappte nach Luft. Kalter Schweiß rann ihm von der Stirn. Was hatte Mending vor? War das eine versteckte Drohung? Weshalb weihte er ihn in sein Geheimnis ein? Seine Offenheit machte nur dann Sinn, wenn er, Armin Wendt, keine Gelegenheit mehr hätte…
„Mal was ganz anderes, Herr Wendt. Falls Ihre Freundin genauso in Pralinen vernarrt sein sollte wie meine Frau, empfehle ich Ihnen eine Stippvisite nach Bonn. Der Chocolatier in der Beethovenstraße fertigt die besten Pralinen weit und breit. Behauptet jedenfalls meine Frau. Ich kaufe nur noch in Bonn. Das Beste ist mir für meine geliebte Frau gerade gut genug“, setzte Ferdinand Mending nach.
Das saß. Constanze hatte schon des Öfteren Pralinen von diesem Bonner Chocolatier zu ihren Treffen mitgebracht. Deutlich erinnerte er sich an die Adresse auf den goldenen Schachteln. Also doch. Das war total verrückt, er saß dem Ehemann seiner Geliebten gegenüber. Armin Wendt merkte, wie es ihm den Hals zuschnürte. Pfeifend rang er nach Atem. Das Engegefühl in seiner Brust war unerträglich. Allerhöchste Zeit für eine Dosis Asthmaspray. Er griff nach hinten über sich, riss den Rucksack vom Gepäcknetz und durchwühlte ihn nach seiner Medizin. Vergeblich. Wo war das verdammte Spray? Hilfesuchend richtete er seinen Blick auf Ferdinand Mending. Der schien überhaupt nicht zu merken, wie schlecht es ihm ging.
Mending lächelte vor sich hin und fuhr mit seinem Monolog fort:
„Ja, Herr Wendt, ich liebe meine Frau abgöttisch. Ich liebe sie so sehr, dass ich es niemals ertragen könnte, sie in den Armen eines anderen Mannes zu sehen. Niemand außer mir darf sie jemals berühren. Sollte sie sich für einen anderen Mann entscheiden, entscheidet sie sich für den Tod. Sie wissen, Herr Wendt, ich habe da so meine Möglichkeiten. Eine winzige Dosis Gift in einer ihrer geliebten Pralinen und wir haben einen Trauerfall im Hause Mending. Plötzlicher Herztod mit noch nicht einmal 50 Jahren. Tragisch. Es wird aussehen, als sei sie einen natürlichen Tod gestorben. Auch wenn Ihr Leichnam in die Gerichtsmedizin eingeliefert und seziert würde, könnte man mir nicht das Geringste nachweisen. Aber was erzähle ich Ihnen das alles? Das interessiert sie doch überhaupt nicht, oder? Sie haben im Moment fraglos mit sich selbst genug zu tun. Sie sind ja wieder ganz blass! Ist das einer der berüchtigten Asthmaanfälle, von denen sie mir erzählt haben? Sie röcheln ja grauenvoll. Und wie sie sabbern. Einfach unappetitlich. Ich fürchte, jetzt würde Ihnen selbst ihr Asthmaspray nichts mehr nützen. Wer weiß, vielleicht treffen Sie Ihre Freundin irgendwann im Jenseits wieder.“
Das Gesicht Ferdinand Mendings hatte sich in eine Fratze des Wahnsinns verwandelt. Armin Wendt wollte nur noch raus aus dem Abteil. Angetrieben von dem Gedanken Constanze zu retten, mobilisierte er seine letzten Kraftreserven. Aber bei dem Versuch, auf die Beine zu kommen, brach er nach Mending packend zusammen. Es gab ein hässliches Geräusch, als er mit dem Kopf gegen eine Kante des metallenen Abfallbehälters stieß, der unter dem Fenster angebracht war. Armin Wendt bekam nicht mehr mit, wie sein erschlaffter Körper auf dem Abteilboden aufschlug.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetung folgt morgen Abend…