Die Pralinen des Ferdinand Mending.

 

Kapitel 3 (Teil 2)

Armin Wendts Stimme riss Ferdinand Mending aus seinen Urlaubserinnerungen.
„Tosca? Die Oper kenn` ich. Da sage noch einer, es gäbe keine Zufälle! Erst letzte Woche habe ich Schwanengesang von Agatha Christie gelesen. Ein untypischer Krimi. Der Mord wird erst am Ende der Story begangen und ist in eine Tosca-Aufführung eingebettet. Außerdem war der verstorbene Ehemann meiner Freundin geradezu vernarrt in die Werke der italienischen Meister. Puccinis Tosca war sein absoluter Favorit. Ich glaube, sie war davon ziemlich genervt.“
Ferdinand Mending verspürte einen kleinen Stich. Wie konnte jemand von Verdi oder Puccini genervt sein? Was für ein Kulturbanause war sein Gegenüber, dass er Agatha Christie, die lediglich triviale Kriminalliteratur geschaffen hatte, in einem Atemzug mit dem unvergleichlichen Giacomo Puccini nannte? Queen of Crime! Lachhaft.
„Ein auffällig gewöhnlicher Mensch. Die Bezeichnung Kleingeist wurde für Leute seines Schlages erschaffen. Welcher Teufel hat mich bloß geritten, mit diesem Scheißzug nach Hamburg zu reisen? Im Auto wäre ich für mich allein und hätte meine Ruhe“, dachte er, als ihm klar wurde, dass er sich einer Unterhaltung mit seinem Abteilnachbarn kaum entziehen konnte.
Armin Wendt, den es faszinierte, wenn sich Menschen intensiv mit Dingen auseinandersetzten, von denen er nur spärliche Kenntnisse besaß, bestätigte Ferdinand Mendings Befürchtungen.
Er fragte zum Thema Italienische Opern nach, bis er sich nach einigen Minuten unverhofft mit der flachen Hand an die Stirn schlug:
„Wo ist bloß meine gute Kinderstube abgeblieben. Da löchere ich Sie seit fast einer Viertelstunde mit meinen Fragen, ohne mich vorgestellt zu haben. Entschuldigen Sie bitte mein schlechtes Benehmen. Ich heiße Armin Wendt.“
Er hielt Ferdinand Mending die Hand hin. Der lächelte schief, ergriff vorsichtig die hingestreckte Hand und schüttelte sie erst nach einem kurzen, kaum wahrnehmbaren Zögern.
„Angenehm, Mending.“
Armin Wendt setzte seine Befragung ungeniert fort und meinte schließlich: „Als eingefleischter Opernfan stehen sie mit dem von mir bevorzugten Mundart-Rock gewiss auf Kriegsfuß.“
„Über Geschmack sollte man nicht streiten.“
Nach einer kurzen Pause bat Armin Wendt sein Gegenüber um einen Gefallen. Der Ausdruck von Besorgnis, der sich in Ferdinand Mendings Gesicht widerspiegelte, entging Armin Wendt nicht.
„Keine Angst, ich habe nicht vor, Sie zu einem Rockkonzert einzuladen. Zu einer solchen Veranstaltung nehme ich dann doch lieber meine Freundin mit. Sie ist geradezu vernarrt in guten Rock. Besonders Queen hat es ihr angetan. Ich selbst bevorzuge BAP und Brings. Unser letztes gemeinsames Konzert haben wir übrigens im Sommer auf der Bonner Museumsmeile besucht. Tolle Veranstaltung. Klein, aber fein. Ich kann Ihnen sagen, meine Freundin hat ganz schön mitgerockt. Dabei hat sie ihren Mittsommer schon seit ein paar Jährchen überschritten. Unglaublich, diese Frau. Wenn sie erst einmal in Fahrt kommt, ist sie kaum noch zu bremsen. So sind sie halt, die Rothaarigen. Nicht wahr?“
Ferdinand Mending wusste nicht, was er von der Situation halten sollte. Sein anfänglicher Verdacht, dass der Kerl ihn um Geld anpumpen wollte, erwies sich als unbegründet. Aber was, zum Teufel noch mal, wollte dieser Wendt bloß von ihm? In einer Mischung aus Verärgerung und Irritation fragte er: „Und wie kann ich Ihnen nun behilflich sein?“
Armin Wendt wirkte verlegen.
„Sorry, wenn ich von meiner Freundin erzähle, verliere ich mich in Schwärmereien und komme schnell vom Thema ab. Herr Mending, worum ich Sie bitten wollte, ist Folgendes. Ich bin seit meinem dritten Lebensjahr chronischer Asthmatiker und fühle mich heute nicht ganz fit. Vermutlich wird überhaupt nichts passieren. Aber sicher ist sicher. Hier, im vordersten Fach meines Rucksacks, befindet sich mein Asthmaspray. Falls ich plötzlich pfeifend atme, einen Anfall bekomme und unter Umständen nicht mehr rechtzeitig…“
„…nehme ich das Asthmamittel aus dem Rucksack und sprühe Ihnen eine Dosis in den Mund“, beendete Mending den Satz. „Sie müssen mir nicht erklären, wie das funktioniert. Ich bin schließlich Apotheker.“
„Danke.“
„Ist doch eine Selbstverständlichkeit. Wo kämen wir denn hin, wenn wir einander nicht mehr helfen würden“, meinte Ferdinand Mending.
In Wahrheit allerdings stellte er sich vor, wie es wäre, Armin Wendt im Fall der Fälle ganz einfach verrecken zu lassen. Damit würde er der Allgemeinheit einen Dienst erweisen. Es war doch nur eine Frage der Zeit. Eines Tages würde Wendt dem Staat als Frührentner auf der Tasche liegen. Mit seinen Steuern unterstützte er wahrlich schon genug Schmarotzer. Dem Wendt bei einem Asthmaanfall seine Medizin vorzuenthalten, wäre reine Notwehr, für die der Staat ihm dankbar sein müsste.
Armin Wendt, der von Mendings Fantasien nicht den blassesten Schimmer hatte, war erleichtert. Bei Bedarf würde er schnelle, fachkundige Hilfe erhalten. Das konnte überlebenswichtig sein. Gerade an einem Tag wie heute, an dem er sich ein wenig übernommen hatte und mithin besonders anfällig für eine Asthma-Attacke war. Der stramme Fußmarsch von seiner Wohnung zum Hauptbahnhof, den er gewöhnlich problemlos meisterte, hatte ihn ganz schön geschlaucht. Vermutlich lag das an der Erkältung, die er seit ein paar Tagen mit sich herumschleppte. Sorgen machte er sich nicht. Auf der Zugfahrt würde er sich schon wieder erholen und am Abend ein spannendes Handballspiel erleben.
*
Der Intercity fuhr in den Wuppertaler Hauptbahnhof ein. Beide Männer schauten gedankenverloren dem Treiben auf dem Bahnsteig zu. Eine Seniorengruppe. Alleinreisende, die sich krampfhaft bemühten, ihre Anonymität zu wahren. Abschieds- und Willkommensküsse. Menschen, die kamen und gingen.
Ferdinand Mending hielt sich ab und zu beruflich in Wuppertal auf. Er nahm sich dann stets etwas Zeit, stieg in die Schwebebahn und fuhr ohne konkretes Ziel in zwölf Metern Höhe über der Wupper durch die Stadt. In der Regel vergeudete ein Mending seine Zeit nicht mit ziellosen Aktivitäten. Doch auch ein durch und durch rationaler Mensch brauchte hin und wieder einen Moment der inneren Einkehr. Eine Fahrt mit der Schwebebahn, der über 100 Jahre alten Dame, war für Ferdinand Mending ein solcher Moment. Weshalb das so war, wusste er nicht. Auch hinterfragte er die für ihn untypische Verhaltensweise nicht. Er gönnte sich ganz einfach diesen Augenblick der Schwäche. Jede Fahrt war für ihn ein spirituelles Schweben, bei dem er für kurze Zeit den Ballast des Alltags über Bord werfen konnte. In dem weltweit bekannten Wahrzeichen Wuppertals stand er mühelos über den Dingen, konnte sich vorübergehend ausklinken. Einmal, als er zu einem Geschäftstermin lediglich drei Stationen von der Haltestelle Hauptbahnhof bis Völklinger Straße fahren wollte, war er dösend eine Stunde in der Bahn sitzen geblieben. Die komplette Strecke hin und zurück. Als er die Bahn verließ, war er froh darüber, solch eine Situation eingeplant zu haben. Daher kaufte er immer eine Tageskarte, um nicht zum Schwarzfahrer zu werden.
Armin Wendt hatte eine persönliche Beziehung zu Wuppertal. Seine Großmutter mütterlicherseits war hier, in der größten Stadt des Bergischen Landes, zur Welt gekommen. Nach der Hochzeit folgte sie ihrem Mann in den frühen 1950er-Jahren nach Köln. Den Kontakt zu ihrer Heimat hatte sie nie abreißen lassen. Daher überraschte es Armin Wendt nicht besonders, dass sie nach dem Tod ihres Mannes im April 2005 den Entschluss fasste, die Jahre, die ihr noch blieben, in Wuppertal zu verleben. Sie zog nach Elberfeld in ein Seniorenstift, wo bereits zwei alte Weggefährtinnen aus der Jugendzeit ihren Lebensabend verbrachten.
Damals riss sie einen der makaberen Witze, die so typisch für sie waren: „Was soll denn das Kinder? Zieht bloß nicht so `ne Flappe! Jetzt, wo Opa tot ist, bin ich in meiner alten Heimat am besten aufgehoben. Ich zieh` doch nur ins Bergische und nicht nach Feuerland. Ihr könnt mich besuchen, wann immer ihr wollt. Außerdem müsst ihr auch an die Zukunft denken. In einer Todesanzeige macht sich Dahingeschieden an der Wupper doch viel besser als jestorben in Köln-Zollstock.“
Armin Wendt musste schmunzeln, als er sich Omas breites Grinsen und die Betroffenheit der übrigen Anwesenden ins Gedächtnis rief. Seit ihrem Umzug besuchte er seine Großmutter wenigstens einmal im Monat. Meistens fuhr er dann mit der Schwebebahn vom Wuppertaler Hauptbahnhof in den Stadtteil Elberfeld. Für ihn war die Schwebebahn allerdings bloß ein außergewöhnliches Verkehrsmittel, das ihn von A nach B beförderte.
Der Zug rollte gemächlich wieder aus dem Bahnhof. Es waren nur wenige Reisende zugestiegen. Zwei Geschäftsfrauen in dunklen Hosenanzügen und weißen Blusen blieben mit ihren schwarzen Aktenkoffern kurz vor dem Abteil stehen. Doch nach einem Blick auf die Reservierungskärtchen gingen sie kopfschüttelnd weiter den Gang hinunter. Sie hatten vermutlich keine Lust, sich in Osnabrück neue Plätze zu suchen. Ferdinand Mending, der sich wieder in die Frankfurter Allgemeine Zeitung vertieft hatte, und Armin Wendt blieben auch weiterhin unter sich.
Armin Wendt nahm sein Handy aus der Jacke. Heute Morgen war wegen der Reisevorbereitungen alles ein klein wenig hektisch abgelaufen. Auch das Telefonat mit seiner Freundin. Was sprach dagegen, sie noch einmal anzurufen? Er würde leise reden und sich kurz fassen, um seinen Abteilnachbarn nicht übermäßig zu stören. Im Menü seines Mobiltelefons rief er das Adressbuch auf, scrollte durch seine Kontakte bis zum Eintrag „CM“ und drückte die „Anrufen“-Taste.
„Hallo Mäuschen! … Nein, mir ist nichts zugestoßen, mach` Dir keine Sorgen. Ich wollte mich nur noch mal bei dir melden und abklären, ob es bei unserer Planung für morgen bleibt. Hab` eben glatt vergessen danach zu fragen. … OK, dann zuerst ins Aqualand und danach sehen wir uns die Spätvorstellung im UFA-Palast an. Prima, ich freu` mich drauf. … Schatz, benimm` dich! Oder willst du dem älteren Herrn, der mir gegenübersitzt, die Schamröte ins Gesicht treiben? … Ja, er fährt auch bis Hamburg und ich habe ihm gezeigt, wo ich mein Asthmamittel aufbewahre. … Nein, alles Bestens. … Ich dich auch!“
Armin Wendt hauchte einen Kuss ins Telefon. Dann beendete er das Gespräch, aktivierte die Tastensperre und verstaute das Handy wieder in einer der Innentaschen seiner Lederjacke.
Hinter seiner Zeitung verzog Ferdinand Mending angewidert das Gesicht. Hatten die jungen Leute denn gar kein Schamgefühl mehr? Er empfand es als abstoßend, dem Liebesgeflüster fremder Leute zuhören zu müssen. Private Angelegenheiten gehörten einfach nicht in die Öffentlichkeit. Dafür waren die eigenen vier Wände da.
Und dieses ekelhafte Herumgesülze. Von wegen Mäuschen und Schatz. In einer harmonischen, gleichberechtigten Beziehung sprachen sich die Partner respektvoll mit dem Vornamen an. Constanze war für ihn schlichtweg Constanze. Niemals würde er sich herablassen, sie Schatz oder gar Mäuschen zu nennen. So was Idiotisches. Wie konnte ein moderner, aufgeschlossener Mensch bloß auf die Idee kommen, seinen Partner mit einem Tiernamen anzureden? Obendrein wurde er auch noch als älterer Herr betitelt.
Ferdinand Mending dachte wütend: „Hat der Drecksack keine Augen im Kopf? Ich habe mich doch prima gehalten. Nach wie vor stehe ich in allen Lebenslagen meinen Mann. Niemand kommt auf die Idee, dass ich die Sechzig bereits überschritten habe. Nur dieser kränkelnde Wendt tut geradewegs so, als sei ich ein alter Tattergreis. Hätte er nur ein bisschen Grips, käme ihm vielleicht in den Sinn, dass bei seiner Krankengeschichte die Chancen gut stehen, dass der ältere Herr ihn überlebt. Aber das passt zu dem Schnösel. Seine Freundin kann einem leid tun.“
Es mutete Ferdinand Mending befremdend an, dass er Sympathie für Wendts Freundin empfand, obwohl er sie überhaupt nicht kannte. Es war bei Licht besehen so gut wie unmöglich, dass die wenigen Informationen aus dem unfreiwillig belauschten Telefonat sein Wohlwollen geweckt hatten. Trotzdem beschlich ihn das Gefühl, sie bereits seit Ewigkeiten zu kennen. Da ihn solches Mitgefühl nur äußerst selten überfiel, zermarterte er sich das Hirn bis der Groschen fiel.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetung folgt morgen Abend…