Die Pralinen des Ferdinand Mending

 

Kapitel 3 (Teil 1)

Die Enttäuschung stand Armin Wendt ins Gesicht geschrieben. Er hatte gehofft, mit einem ICE Richtung Norden zu reisen und die Fahrt in einem modernen Großraumwaggon zu genießen. Stattdessen quetschte er sich jetzt in den engen Gängen eines herkömmlichen Intercitys an anderen Reisenden vorbei. Da er es versäumt hatte, sich auf dem Bahnsteig an der Wagenstandanzeige zu orientieren, musste er auf der Suche nach seinem reservierten Platz den halben Zug durchqueren. Endlich stand er vor seinem Abteil. Es war nahezu leer. Er schaute auf die Reservierungskärtchen an der Tür. Erleichtert atmete er aus. Erst ab Osnabrück hatten drei weitere Personen Plätze reserviert. Mit ein wenig Glück teilte er sich das Abteil bis dahin lediglich mit einem großen, elegant gekleideten Mann, der gerade in die FAZ vertieft war.
Armin Wendt betrat das Abteil, verstaute seinen Rucksack auf der Gepäckablage über den Sitzen, begrüßte seinen Mitreisenden und ließ sich ihm gegenüber in Fahrtrichtung auf dem Fensterplatz nieder. Der vornehme Herr grüßte knapp zurück. Es war eigenartig. Ungeachtet seiner zugeknöpften Art fand Armin Wendt ihn sympathisch.
„Mit dem kann man sich gewiss prima unterhalten“, dachte er voller Vorfreude auf ein wenig Smalltalk. Für ein lockeres Gespräch war Armin Wendt jeder Zeit zu haben.
Ferdinand Mending lugte hinter der Zeitung hervor und musterte verstohlen den Mann, der ihm nun gegenüber saß. Anfang Vierzig, verwaschene Jeans, Turnschuhe, dunkelbraune Lederjacke im Antik-Look und schwarzes Baseballcap mit einem eingestickten weißen Puma auf der Stirnseite. Ein jämmerliches Outfit. Ihm wurde speiübel. Allerdings musste er zugestehen, dass der Mann attraktiv war. Bei den Damen kam er ohne Frage gut an.
„Hoffentlich zwingt mir der Kerl kein Gespräch auf. Ich möchte nachher in aller Ruhe Don Carlos zu Ende hören“, dachte Ferdinand Mending, während sein Blick den Rucksack auf der Gepäckablage streifte. Er konnte kaum glauben, was er aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen hatte. Aus einer der Seitentaschen des Rucksackes schaute eine BAP-CD heraus.
„Was ist denn das für eine Scheiße. Dieses Arschloch kleidet sich nicht nur wie ein Landstreicher, sondern hört auch noch Musik von diesen Kölsch-Rockern. Das ist einfach zum Kotzen. Würd` mich nicht wundern, wenn der Typ Verdi für einen italienischen Rotwein hält.“
Ferdinand Mending genoss es, in dieser Gossensprache zu denken. Das nahm Druck weg, unter dem er oft stand. In seiner Fantasie benahm er sich oft wie ein Prolet, doch nach außen hatte er sich immerzu im Griff. Das erforderte eine permanente Selbstkontrolle, was aber für einen Mending kein Problem darstellte. Nur Schwächlinge gönnten sich den Luxus, in der Öffentlichkeit auszurasten oder Gefühle zu zeigen.
„Sie hören Musik?“, hörte er Armin Wendt fragen, der den iPod auf dem Klapptischchen vor ihm entdeckt hatte.
„Hab` ich`s doch gewusst. Der Trottel will mir seine Lebensgeschichte aufzwingen. Wenn auf irgendetwas Verlass ist, dann ist das meine Menschenkenntnis“, schoss es ihm durch den Kopf, während er lächelnd antwortete:
“Ja, ich bin in der Tat ein Freund der schönen Künste und höre mit Vorliebe klassische Musik. Opern liebe ich ganz besonders. Ich werde mir gleich die letzten Takte von Giuseppe Verdis Don Carlos und danach Tosca aus der Feder des großen Giacomo Puccini anhören, junger Mann. Vor wenigen Monaten hatte ich, nebenbei bemerkt, das Vergnügen Puccinis Meisterwerk in Österreich live auf der Bregenzer Seebühne zu erleben. Ein unvergessliches Ereignis.“
Ferdinand Mendings Gedanken schweiften ab. Der diesjährige Sommerurlaub am Bodensee war einfach grandios gewesen. Aus gutem Grund gab es für ihn seit unzähligen Jahren kein anderes Urlaubsziel. In der Region rund um den Bodensee wurde ihm nie langweilig. Sie hatte einfach alles zu bieten, was sein Urlauberherz begehrte. Mediterranes Klima, ein gewaltiges Binnengewässer, welches das Gefühl vermittelte, Urlaub am Meer zu verbringen, Mittel- und Hochgebirge in unmittelbarer Nähe. Welches andere Urlaubsziel war so facettenreich? Für ihn gab es keinen einleuchtenden Grund, seine Reisegewohnheiten zu ändern. Außerdem war er ein Gewohnheitstier. Veränderungen bereiteten ihm Unbehagen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Constanze war er im Juli ins österreichische Bregenz gefahren, das angeschmiegt an den Pfänder am Ostufer des Bodensees liegt. Ausgedehnte Wandertouren im Vorarlberg. Ausflüge in den Schweizer Kanton Säntis und in die sanften Hügel des Westallgäu. Bootsfahrten. Romantische Abende in exquisiten, direkt am Seeufer gelegenen Restaurants. Das alles hatte ihm unvergessliche Urlaubsfreuden bereitet, die vom Besuch der Tosca-Inszenierung auf der Bregenzer Seebühne gekrönt wurden. Er hatte mit Constanze die Premierenveranstaltung besucht. Ein beeindruckendes Erlebnis. Ferdinand Mendings hohe Erwartungshaltung wurde von Philipp Himmelmanns Inszenierung noch übertroffen. Ein Artikel, den er aus dem Bregenzer Tagesspiegel ausgeschnitten hatte, sprach ihm aus der Seele: „Liebe, Eifersucht, Sex & Crime sind die Zutaten zur Oper „Tosca“, die bei den Bregenzer Festspielen erstmals über die Seebühne ging. Die Zuschauer erlebten eine Show der Superlative.“
Er schätzte schon immer die Oper und war seit jenem 14. Juli ganz besonders in Puccinis Tosca und die Seebühne vernarrt. Constanze zu Weihnachten Premierenkarten für die Tosca-Aufführung unter den Tannenbaum zu legen und sich mithin selbst zu bescheren, war eine hervorragende Idee gewesen. Er schätzte sich überaus glücklich, dass Constanze in Sachen Musik und Freizeitgestaltung seinen erlesenen Geschmack teilte. Gemeinsame Interessen waren der Grundstein für ihre in seinen Augen mustergültige Beziehung.
Sicher, in letzter Zeit hatte er hin und wieder bemerkt, dass Constanze die Oper weit weniger schätzte als er. Aber das machte nichts. Sie hatte den Festspielabend in Bregenz genossen. Das stand für ihn außer Frage.
Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, dass seine Frau für die Oper im Grunde nichts übrig hatte und die von ihm verpönte Jazz-, Pop- sowie Rockmusik bevorzugte. Ihre Fingerzeige zu diesem Punkt hatte er schlechthin ignoriert. Sie waren an ihm abgeprallt.
Undenkbar, dass Constanze an Opern gar keinen Gefallen fand. Schließlich hatten sie sich im Bonner Opernhaus kennengelernt.
Constanze hatte die Urlaube anders erlebt. Das Einzige, was sie an „Tosca“ fasziniert hatte, war die Seebühne mit ihrem einzigartigen Bühnenbild. Vor allem hatte sie das riesige Auge mit der blauen Iris beeindruckt, das sich während der Opernaufführung mehrfach schloss und wieder öffnete.
Ferdinand Mending war es entgangen, dass seine Frau in der Pause sehnsüchtig auf ein Werbeplakat für das Smooth-Jazz-Festival geblickt hatte, das auf der Werkstattbühne des Bregenzer Festspielgeländes ausgerichtet wurde. Mit Eintrittskarten für diese Veranstaltung hätte er seiner Frau eine wirkliche Freude bereitet. Als sie im letzten Herbst den Urlaub planten, hatte Constanze ihren Mann behutsam auf die Veranstaltung hingewiesen. Umsonst.
Wieder eine Chance verpasst, Stars der Szene, wie Candy Dulfer, Alex Bugnon oder De Phazz live zu erleben. Statt sich an harmonischem Smooth-Jazz zu erfreuen, musste sie die schwere Opernkost Puccinis über sich ergehen lassen. Ferdinand Mending war sich seiner Sache hundertprozentig sicher. Folglich würde er nie begreifen, dass Constanze ihn nur zu den unzähligen Aufführungen und Konzerten begleitete, weil er es so wollte.
Seine Ignoranz machte ihn blind und taub. Deswegen überhörte Ferdinand Mending auch die zaghaften Überredungsversuche seiner Frau zu einem Urlaub im Süden Europas, am liebsten in Italien. Doch für Ferdinand Mending gab es nichts anderes als das Schwäbische Meer. Für Constanze schuldete sich die eintönige Urlaubsplanung ihres Mannes dem Umstand, dass er Anfang der 80er Jahre eine Zeitlang in Lindau gelebt hatte.
Von dem Friedhof in Hörbranz, das östlich des Sees im Vorarlberg lag, wusste sie nichts. Mindestens einmal im Jahr, manchmal unter dem Vorwand einer Geschäftsreise, fuhr Ferdinand Mending dorthin, um Sarahs Grab zu besuchen. Sarahs Bruder, der noch immer in Hörbranz lebte, pflegte die Ruhestätte. Ferdinand Mendings Friedhofsbesuche hatten stets den gleichen Ablauf. Kurzes Gebet, Kerze anzünden und in die pyramidenförmige Grableuchte stellen, eine langstielige rote Rose am Gedenkstein niederlegen, Friedhof verlassen.
Auch in diesem Juli war er eines Tages zu einem Friedhofsbesuch aufgebrochen.
Bereits um sieben Uhr morgens hatte er sich von Constanze verabschiedet: „Liebling, warte nicht mit dem Frühstück auf mich. Mir ist nach einem ausgedehnten Morgenspaziergang zumute. Ich werde unterwegs etwas zu mir nehmen.“
Wohin er gehen wollte, hatte er ihr nicht gesagt. Das entsprach nicht Ferdinands Gepflogenheiten. Bei seinen Alleingängen legte er in der Regel Wert darauf, dass Constanze wusste, wohin er wanderte.
„Falls mir etwas zustößt, sollten die Rettungskräfte doch zumindest einen groben Anhaltspunkt haben, wo sie nach mir suchen“, war Ferdinands Standardspruch.
Den Tag würde sich Constanze rot im Kalender anstreichen. Ferdinand brach mit seinen Prinzipien. Dass sie das einmal erleben durfte.
Gegen neun Uhr nahm Constanze unter einer buntgestreiften Markise auf der Hotelterrasse ihr Frühstück zu sich. In der Hoffnung Brötchenkrümel erbeuten zu können, hüpften zwischen den Stühlen ein paar Spatzen umher. Auf dem Tisch lagen die Bregenzer Nachrichten und die Lindauer Tageszeitung. Sie konnte das seltsame Verhalten ihres Mannes noch immer nicht fassen. Kopfschüttelnd schlug sie die Lindauer Tageszeitung auf, nippte an ihrem Kaffee und las eine Reportage über den Tod zweier Sportler, die am Vortag bei einem Extremberglauf auf der Zugspitze an Erschöpfung, Unterkühlung und Sauerstoffmangel gestorben waren. Insgesamt sechs Läufer mussten ins Klinikum von Garmisch-Partenkirchen eingeliefert werden, nachdem sie im Kampf gegen die Uhr bei Schneefall und eisigem Wind kollabierten. Ob das von der Münchener Staatsanwaltschaft gegen den Veranstalter eingeleitete Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung zu irgendetwas führte? Sie würde die Geschichte weiterverfolgen. Beim Lesen weiterer Artikel stoppte sie mehrfach und dachte immer wieder an die Opfer des Unglücks.
Gegen elf Uhr kam Ferdinand Mending von seinem ausgiebigen Morgenspaziergang zurück und gesellte sich zu seiner Frau auf die Terrasse. Auf die Frage, wo er so lange gewesen sei, antwortete er nur ausweichend. Constanze fand das seltsam. Aber sie hakte nicht nach. Es hätte keinen Sinn gehabt. Ferdinand wollte ihr anscheinend nicht verraten, wo er den Morgen verbracht hatte. Zweimal an einem Tag würde er seinen Prinzipien nicht untreu werden. Sie ließ ihn in aller Ruhe bei einer Tasse Roibuschtee die Zeitung studieren.
Als er den Bericht über die erschütternden Geschehnisse auf der Zugspitze las, meinte er ebenso kalt, wie es die Bedingungen bei dem Berglauf gewesen waren: „Die Sportler, die bei einem derart extremen Event mitmachen, wissen doch ganz genau, worauf sie sich einlassen. Die kann ich nicht bemitleiden. Ganz bewusst schnuppern die am Jenseits, diese Adrenalin-Junkies. Wenn es nach mir ginge, dürfte keine Versicherung für die Behandlungs- und Bestattungskosten aufkommen.“
Ferdinand bewies einmal mehr, wie unterkühlt er auf seine Umwelt reagierte. Menschliches Mitgefühl, Fehlanzeige!

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetung folgt morgen Abend…