Die Pralinen des Ferdinand Mending

 

Kapitel 2 (Teil 2)

Allzu gut erinnerte sie sich an jenen Freitagnachmittag. Unangemeldet klopfte er an ihre Tür, bat sie eine Reisetasche zu packen und brach mit ihr in einem gemieteten Sportwagen in Richtung Süden auf. In der Villa Rustica, einem exquisiten kleinen Landhotel, verbrachten sie drei wundervolle Tage.
Am Samstagabend, nach dem Dinner im Hotelrestaurant, legte Ferdinand errötend ein Geständnis ab: „Liebste Constanze. Wie du vielleicht schon bemerkt hast, empfinde ich mehr als bloße Freundschaft für dich. Bereits bei unserer ersten Begegnung im Bonner Opernhaus habe ich mich in dich verliebt. Die gemeinsam mit dir verbrachten Tage waren die schönsten meines Lebens. Wenn du das Gleiche für mich empfindest, will ich dich niemals mehr aus meinen Händen geben.“
Damals hatte sie diese Worte als Kompliment aufgefasst. Heute wirkten sie eher bedrohlich.
Nach Ferdinands Liebesgeständnis blieb Constanzes Zimmer in der Villa Rustica unbenutzt. Sie wurden ein Paar und bereits wenige Wochen nach dem Kurztripp an den Bodensee planten sie ihre Verlobung. Constanze wünschte sich eine große romantische Feier. Sie wollte ihr Glück mit der ganzen Welt teilen. Ihre Mutter, die Verwandtschaft und alle Freunde sollten sehen, wie glücklich sie war. Außerdem freute sie sich auf Ferdinands Vater, von dem sie bislang nicht viel wusste. Seltsam, Ferdinand sprach nie über seine Eltern. Immer wenn sie auf das Thema Familie zu sprechen kamen, blockte er ab. Sie hatte lediglich in Erfahrung bringen können, dass seine Mutter bereits vor vielen Jahren verstorben war. Auf der Verlobungsfeier würde sie nun endlich seine Familie, seine Freunde und Bekannten kennenlernen.
Es kam anders. Zu guter Letzt waren sie bloß zu viert. Nur zwei Verlobungszeugen gesellten sich zu ihnen. Sabrina und Ferdinands bester Freund, der Urologe Dr. Harald Schweitzer. Ferdinand wollte keine anderen Personen dabei haben, noch nicht einmal die Eltern.
Selbst, als sie ihn mit Tränen in den Augen bat: „Ferdinand, ich habe mir schon immer eine traumhafte Verlobungsfeier gewünscht. Bitte, tu mir den Gefallen“, blieb er unnachgiebig.
Seine starre Haltung hätte sie aufhorchen lassen müssen. Doch sie war zu verblendet, um Misstrauen zuzulassen. Kurz vor der Verlobung sagte sie sogar zu Sabrina: „Eigentlich ist das doch süß! Er will mich mit niemandem teilen.“
Sabrinas Warnung, Ferdinand sei nicht süß, sondern egoistisch, besitzergreifend und krankhaft eifersüchtig, schlug sie damals in den Wind. Zu spät begriff sie, dass er bei der Verlobungsfeier erstmals sein wahres Gesicht gezeigt hatte. Für Ferdinand Mending zählte nur Ferdinand Mending. Widerspruch unerwünscht. Er wurde nie laut. Nie! Er war freundlich und zuvorkommend. Immer! Er war anders. Weshalb hatte sie sich nicht dagegen aufgelehnt? Warum ließ sie zu, dass er sie über die Jahre hinweg nach und nach von ihren Freunden und Verwandten isolierte? Wohin war die starke, emanzipierte Constanze verschwunden?
Sie schaute aus dem Fenster über die Straße zum Rhein hin, wo der Frühnebel in dichten Schwaden über dem Wasser hing. Ihre trüben Gedanken entsprachen dem Ausblick.
„Er hat das geschickt angestellt und mit meinem blinden Vertrauen habe ich es ihm leicht gemacht.“
Wenn sie es recht bedachte, war sie tot. Die Constanze von früher existierte nicht mehr. Ihr Dahinscheiden hatte sich in einem schleichenden Prozess vollzogen, der kurz nach der Hochzeit begonnen hatte. Anfangs hatte sie überhaupt nicht wahrgenommen, was er mit ihr anstellte. Später schaffte sie es nicht, dagegen anzukämpfen. Wenn es um Ferdinand ging, dachte und handelte sie irrational. Sie wusste das.
„Es ist verrückt. Immer wenn ich Ferdinand widerspreche, habe ich das Gefühl, ich verweigere meinem toten Vater Respekt und Gehorsam. Das ist absolut krank. Trotzdem komme ich einfach nicht dagegen an.“
Sie war von ihm abhängig. Finanziell, gesellschaftlich, psychisch.
Auf seine Bitte hin hatte sie ihren Job am Institut im Vorgriff auf die Mutterrolle, die er ihr zugedacht hatte, gekündigt. Das war kurz nach der Hochzeit. Diese hatten sie am 5. Mai 1986 gefeiert. Es war überraschenderweise ein rauschendes Fest im Restaurant auf dem Petersberg, das bis tief in die Nacht andauerte. Anders als bei der tristen Verlobungsfeier waren alle Verwandten und Freunde des Paares geladen. Alle, bis auf Ferdinands Vater.
Constanze hätte mit dem Kinderkriegen gerne noch zwei bis drei Jahre gewartet, denn die Arbeit am Institut machte ihr Spaß und die Publikationen, an denen sie arbeitete, hätten für sie den Durchbruch als Astrophysikerin bedeutet.
„Lass uns keine Zeit verlieren. Ich freue mich so sehr auf einen Stammhalter. Bedenke, ich werde nicht jünger“, argumentierte er und sie hatte das Gefühl, sie würde auf eine Katastrophe zusteuern, wenn sie den Versuch unternähme, ihre Belange durchzusetzen. Sie gab die Forschungsarbeit auf.
Mit der Arbeit blieben Selbstständigkeit und Selbstvertrauen auf der Strecke. Das kam Ferdinand entgegen. Er manipulierte sie geschickt, ihre Freundschaften zu vernachlässigen: „Schatz, mir scheint, du verbringst mit anderen Menschen mehr Zeit als mit mir. Bin ich dir nicht genug? Eigentlich brauchen wir zu unserem Glück doch nur uns.“
Seinen Überredungskünsten, die er freundlich und zuvorkommend an die Frau brachte, hatte sie nichts entgegenzusetzen. Sogar mit Sabrina traf sie sich nur noch sporadisch.
Ferdinands Kinderwunsch überlagerte bald alles andere. Sicher, mittlerweile wünschte auch sie sich Kinder. Aber Ferdinand war geradezu von der Vorstellung besessen, so schnell wie möglich einen Stammhalter in seinen Armen zu wiegen. Je mehr Zeit ins Land zog, desto unerträglicher wurden Ferdinand und seine Ideen, wie man der Natur auf die Sprünge helfen könne. Nach drei Jahren hatte sie es gründlich satt, Liebesnächte nach Datum, Uhr und Eisprung zu planen. Sie fühlte sich bei den Zeugungsversuchen wie ein Pilot, der vor dem Start seine Checkliste abarbeitete. Vom exakt errechneten Zeitpunkt für einen erfolgversprechenden Beischlaf bis zur Stellung, in der sie den Liebesakt vollzogen, war von Ferdinand alles bis ins kleinste Detail vorgeplant. Es wäre für sie keine Überraschung gewesen, wenn sie ihn im Schlafzimmer mit einer Wasserwaage beim Ausrichten des Bettes erwischt hätte.
Etwa zwei Monate nach ihrem dritten Hochzeitstag fasste sie allen Mut zusammen und sprach ihn an: „Ferdinand, so kann das nicht weitergehen. Seit drei Jahren unternehmen wir alles Mögliche und Unmögliche, um ein Kind zu bekommen. Nichts von dem, was wir versucht haben, hatte Erfolg. Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, endlich ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir sollten uns beide untersuchen lassen. Da ist doch nichts dabei.“
Sie war verblüfft. Er hatte Verständnis für ihr Anliegen und reagierte äußerst liebevoll. Das überraschte sie ebenso wie die Untersuchungsergebnisse. In medizinischer Hinsicht stand ihrem Kinderwunsch nichts entgegen. Sie waren beide völlig in Ordnung. Verschämt musste sich Constanze eingestehen, dass sie es lieber gesehen hätte, wenn einer von ihnen zeugungsunfähig gewesen wäre. Dann hätte der Wahnsinn ein Ende gehabt. Sie hätte einen Job annehmen können. Ihre Beziehung hätte sich vielleicht wieder normalisiert. So aber folgten zwei weitere Jahre durchorganisierten, lustlosen Fortpflanzungsverkehrs, in denen Constanze die Grenze ihrer psychischen Belastbarkeit erreichte.
Sie war erleichtert, mehr noch, sie war von einer schweren Last befreit, als Ferdinand eines Abends in einer Mischung aus Schwermut und Mannhaftigkeit feststellte: „Ich muss wohl oder übel akzeptieren, dass es mein Schicksal ist, keine Nachkommenschaft in die Welt zu setzen. Lass uns einen Schlussstrich unter dieses Kapitel ziehen.“
Danach lief im Bett ein halbes Jahr überhaupt nichts mehr.
Zu Ferdinands Zufriedenheit entschied Constanze sich dagegen, wieder ins Berufsleben einzusteigen. Zu lange hatte sie sich nicht mehr mit Astronomie und Astrophysik beschäftigt. Der wissenschaftliche Fortschritt der letzten Jahre war an ihr vorbeigegangen und sie traute sich nicht zu, Versäumtes aufzuarbeiten. Ihr Selbstbewusstsein hatte arg gelitten. Wie ein verängstigtes Tier, das sich nicht aus dem Bau traut, verkroch sie sich in ihrem Zuhause und bemühte sich nach Kräften, Ferdinand, dem karrierebewussten Apotheker und Manager, eine fürsorgliche und treue Partnerin zu sein. Sie reduzierte ihren Lebensinhalt auf ein Hausfrauendasein.
Nahezu zehn Jahre gingen ins Land, bis sie sich mit Hilfe von Sabrina, die den Kontakt nie abbrechen ließ, aus ihrem Schneckenhaus heraus wagte. Schritt für Schritt kämpfte sie sich ins Leben zurück. Von der ambulanten Psychotherapie, zu der Sabrina sie überredet hatte, wusste Ferdinand nichts. Ihm erzählte sie etwas von einer chronischen Erkrankung der Atemwege, die regelmäßig ärztlich kontrolliert werden müsse. In der Tat suchte sie vor jeder psychotherapeutischen Sitzung Dr. Schmitt, einen Allgemeinmediziner, auf. Constanze störte es nicht, dass der Arzt sie für hypochondrisch hielt, weil sie sich so oft durchchecken ließ. Hauptsache, Ferdinand erhielt eine Arztrechnung und schöpfte keinen Verdacht. Die Therapiestunden bezahlte sie in bar, denn erfreulicherweise knauserte Ferdinand nicht beim Haushaltsgeld.
Im Prinzip hätte sie schon vor Jahren die Scheidung einreichen müssen. Aber wenn sie das Wort Scheidung nur in den Mund nähme, würde er sie fertigmachen. Auf seine Art. Mit einer ambulanten Therapie käme sie dann nicht mehr aus. Sie würde ohne Umwege im Irrenhaus landen und sie befürchtete, dass er bei seinen beruflichen Verbindungen dafür Sorge tragen könnte, dass sie nie mehr heraus kam. Er hätte sein Ziel erreicht. Die absolute Kontrolle. Ein Szenario, schlimmer als jeder Horrorstreifen. Andererseits war das Dahinvegetieren in der Rheinaustraße durchaus mit dem Leben in einer Klapsmühle vergleichbar.
„Warum beschäftige ich mich überhaupt mit den Schatten der Vergangenheit? Weshalb blase ich Trübsal? Ich habe doch endlich wieder etwas, für das es sich zu leben lohnt. Die zwei bis drei Wochen zwischen Ferdinands Dienstreisen stellen doch nun wirklich kein Problem mehr dar“, dachte Constanze.
Daraufhin ging sie ins Schlafzimmer, öffnete ihren Kleiderschrank, räumte im obersten Fach Strumpfhosen, Unterwäsche sowie BHs beiseite und zum Vorschein kam ihre ganz geheime CD-Sammlung mit Jazz-, Pop- und Rockalben. Sie hatte dieses Versteck bewusst ausgewählt, da es eine von Ferdinands Grundsätzen war, niemals in den Sachen anderer Leute herumzuschnüffeln. Er würde die in seinen Ohren dekadente Musik niemals finden.
Sie war eine fanatische Anhängerin der Rockgruppe Queen. Wenn sie an die unvergesslichen Queen-Konzerte im Rahmen der „We Will Rock You“–Tour im November 1980 in Köln und bei der „Hot Space“–Tour im Mai 1982 in Dortmund dachte, schüttete ihr Körper noch heute Glückshormone aus. Die Karten für die Konzerte hatte sie von ihren Eltern geschenkt bekommen und beide Male war es ihr gelungen, einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Sie war Freddie Mercury ganz nahe. Die Energie, die von diesem Künstler und seiner Musik ausging, war unbeschreiblich. Leider starb Freddie viel zu früh. Er war erst 45 Jahre alt, als ihn die Immunschwächekrankheit Aids 1991 aus dem Leben riss. Aber in seiner Musik, die Constanze oftmals die Kraft gab, das Zusammenleben mit Ferdinand erträglicher zu gestalten, würde er für sie ewig weiterleben. Heute entschied sich Constanze nach kurzem Überlegen für „News of the world“, aus dem Jahr 1977, das sechste Studioalbum der Band. Zurück im Wohnzimmer legte sie die CD in das Audiosystem. Sie drehte die Anlage voll auf und verlor sich in der Musik und den Erinnerungen an ihre Jugend. Ausgerechnet bei „Sleeping on a sidewalk“, ihrem Lieblingsstück auf der CD, das von Gitarrist Brian May gesungen wurde, klingelte das Telefon. Es war der Festnetzanschluss. Sie drehte die Lautstärke herunter, ging in den Flur und griff zum Telefonhörer. Breits vor dem Abheben wusste sie, wer in der Leitung war. Ihr Mann. Jede Wette. Der erste Kontrollanruf. Er würde innerlich vor Wut kochen, wenn er sie jetzt nicht zu Hause am Festnetzapparat antraf. Er hatte Gott sei Dank keinen blassen Schimmer davon, dass Constanze eine Rufumleitung auf ihr Handy aktivierte, wenn sie in seiner Abwesenheit das Haus verließ. Denn, obwohl Ferdinand die Bedienung der meisten elektronischen Geräte intuitiv beherrschte, hatte er diese Funktion am häuslichen Festnetztelefon noch nicht entdeckt.
„Mending“, meldete sie sich.
Ferdinands Stimme klang, wie stets, wenn er sie vermeintlich zu Hause erwischte, erleichtert und entspannt: „Guten Morgen Constanze, ich wollte mich kurz von unterwegs melden. Hast du die Pralinen gefunden?“
„Natürlich Ferdinand, mitten auf dem Frühstückstisch waren sie ja nicht zu übersehen. Ich habe bereits zwei Pralinen genascht. Du hast genau meinen Geschmack getroffen. Die Restlichen werde ich mir gut einteilen. Danke.“
„Ich melde mich heute Abend wieder. Bis dann.“
„Tschüss.“
Sie legte auf und geriet augenblicklich ins Grübeln. Bei dem Telefonat hatte sie flüchtig etwas wahrgenommen, das sie irritierte. Sie kam aber nicht dahinter, was es war und als sie im Wohnzimmer die Musik wieder aufgedreht hatte, beschäftigten sich ihre Gedanken wieder mit anderen Dingen.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend…