Die Pralinen des Ferdinand Mending

 

Kapitel 2 (Teil 1)

Constanze Mending saß am Frühstückstisch. Alleine.
„Wenn Ferdinand gut durchgekommen ist, müsste er jetzt kurz hinter Münster auf der A 1 sein“, dachte sie und biss in die Hälfte eines knusprigen Kürbiskernbrötchens, das mit einer Scheibe mittelaltem Gouda und einer Scheibe Salami belegt war.
Anstelle der Teetasse aus feinem chinesischen Porzellan, mit der Ferdinand den Tisch eingedeckt hatte, stand jetzt ein dunkelblauer Keramikbecher gefüllt mit dampfendem Kaffee vor ihr. Sie hatte sich mit dem Vollautomaten, der zur Grundausstattung ihrer Landhausküche gehörte, an diesem Morgen bereits die zweite Tasse Cappuccino zubereitet. Wie sie diesen Duft und den Geschmack der italienischen Bohnen liebte.
Es hatte den Anschein, als hole sie Versäumtes nach. Denn wenn Ferdinand zu Hause war, tranken sie ausschließlich Tee. Er vertrug keinen Kaffee und klagte, das ihm das Aroma frisch gemahlener Kaffeebohnen auf den Magen schlage.
Also verzichtete Constanze Mending bei jedem gemeinsamen Frühstück auf Kaffee. Auch verzichtete sie an ihren gemeinsamen Abenden auf ein Glas Bier. In geselliger Zweisamkeit, so redete Ferdinand ihr Einsiedlerdasein schön, tranken sie trockenen Rotwein. Der schmeckte zwar, aber hin und wieder hätte sie auch gerne mit einem Kölsch angestoßen. Allerdings konnte sich Ferdinand nicht für Bier begeistern.
Seiner Meinung nach war es ein Gebräu für den einfachen Mann von der Straße und Leute von Welt sollten Wein genießen.
Constanze Mending bestrich die zweite Hälfte ihres Brötchens mit Blütenhonig. Ein Imker aus der Eifel, er lebte in einem kleinen Dorf bei Monschau, lieferte ihnen seit Jahren die goldgelbe Köstlichkeit. Sie nahm einen Bissen, lehnte sich zurück, verschränkte die Arme im Nacken und sann über ihre Ehe nach. Ferdinand konnte liebevoll und im Rahmen seiner Möglichkeiten zuvorkommend sein. Doch wenn er etwas nicht mochte, duldete er keinen Widerspruch. Er ließ keine andere Meinung gelten. Das machte das Leben mit ihm schwierig. Überhaupt war Ferdinand nach ihrer Hochzeit ein anderer Mensch geworden und an manchen Tagen hatte sie das Gefühl, sie könne ihn nicht mehr ertragen. Aber eine Trennung kam nicht in Frage. Dafür waren die Fesseln ihrer Beziehung zu eng. Und wie sollte sie über die Runden kommen? Zum Glück war Ferdinand alle zwei bis drei Wochen für mehrere Tage dienstlich außer Haus. Dann konnte sie ihr Leben leben. Wenn er die Pralinen auf den Tisch gelegt hatte, die Haustür hinter sich ins Schloss zog und in seinem Mercedes die Rheinaustraße herunterfuhr, atmete sie auf. Endlich frei!
In den letzten Jahren hatte er sie zunehmend eingeengt und ihr seinen Besitzstempel aufgedrückt. Ferdinand wollte sie mit niemandem teilen und er erwartete, dass auch sie ihm ihre ganze Aufmerksamkeit schenkte. Keine Chance, Freundschaften zu pflegen. Bis auf Sabrina Wittlich, sie war ihre beste Freundin seit der Grundschulzeit, hatten sich nach und nach alle Freunde und Bekannte von ihr abgewandt. Schleichende Isolation. Das Gästezimmer war nicht für Gäste da, sondern wurde nur von Ferdinand genutzt, wenn er früh auf Geschäftsreise musste und sich dort anzog, um sie nicht zu stören. Regelmäßigen Kontakt pflegte sie neben Sabrina nur noch mit Ines Hermann, einer Nachbarin, und Henriette Keller, die sie an der Volkshochschule im Qi-Gong-Kurs kennengelernt hatte. Sie war ihrem Arzt dankbar, dass er ihr vor zwei Jahren, als sie einem völligen Zusammenbruch nahe war, diese traditionelle chinesische Meditations- und Bewegungsform empfohlen hatte. So hatte sie zumindest die Dienstagabende für sich. Ferdinand war der Qi-Gong-Kurs ein Dorn im Auge. Dennoch ließ er sie gehen. Ihr Wohlbefinden lag ihm am Herzen.
Heute konnte Constanze Mending es ruhig angehen lassen. Ihr Terminkalender war leer. Kein Arztbesuch. Kein Einkauf. Nichts. Was also sprach dagegen, noch ein halbes Stündchen in dem bequemen Hausanzug, den sie nach dem Aufstehen angezogen hatte, am unaufgeräumten Frühstückstisch sitzenzubleiben?
Sie kostete die Unordnung aus und auch die Brötchenkrümel hatte sie noch nicht mit dem Tischhandfeger entfernt. Sie trank einen Schluck und ließ sich dazu eine der belgischen Pralinen auf der Zunge zergehen. Auch das hatte sich in mehr als zwei Jahrzehnten gemeinsamen Lebens nicht verändert. Immer, wenn er für mehrere Tage außer Haus war, schenkte er ihr zehn handverlesene belgische Pralinen. Inzwischen allerdings liebte sie Pralinen als Naschwerk und wegen ihrer Symbolkraft. Eine Pralinenschachtel war ihre ganz persönliche Freiheitsstatue.
Zwei Stücke des herrlichen Konfekts würde sie heute Morgen verzehren, den Rest mit ins Kino nehmen. Jede freie Minute hatte sie für Aktivitäten verplant, denen Ferdinand nichts abgewinnen konnte. Für morgen Abend stand ein Kinobesuch auf dem Programm. Sie würde sich den Episodenfilm „Unschuld“ von Andreas Morell mit Kai Wiesinger und Nadeshda Brennicke in den Hauptrollen ansehen. Die Kurzkritiken, die sie über den Film gelesen hatte, bestärkten sie in dem Gefühl, dass dieses Werk zum Teil ihre persönliche Situation widerspiegelte. Einsamkeit in einer großen Stadt? Ja, davon konnte sie auch ein Lied singen.
Sie nahm die zweite Praline in den Mund. „Warum verlasse ich ihn nicht? Was hält mich überhaupt hier? In zwei Jahren will er in den vorzeitigen Ruhestand treten. Dann habe ich gar keine Zeit mehr für mich. In den Alpen wandern, Opern besuchen und wer weiß, was er sich sonst noch so alles einfallen lässt“, schoss es ihr durch den Kopf.
Ihr wurde schlecht. Sie rannte zum Gäste-WC und erbrach den braunen Brei aus Schokolade und Kaffee. Der Schluck Wasser danach half nicht gegen den ekelhaft säuerlichen Geschmack, mit dem die Erinnerungen an das Kennenlernen, die Verlobung, die frühen Ehejahre und den unerfüllten Kinderwunsch hochkamen.
Sie war 26, als sie ihm zum ersten Mal im Foyer des Bonner Opernhauses begegnete. Eigentlich fand sie keinen Gefallen an Opern, doch Sabrina hatte sie überredet, die Premierenvorstellung von Mozarts „Don Giovanni“ gemeinsam mit ihr zu besuchen: „Wir können die Karten doch nicht verfallen lassen, nur weil meine Eltern krank geworden sind. Das wäre eine Kulturschande. Alleine gehe ich nicht hin, das weißt du ganz genau und außer dir fällt mir im Moment niemand ein, der mich begleiten könnte. Bitte, komm mit! Lass mich nicht im Stich! Weißt du eigentlich, dass es in Bonn Leute gibt, die einen Mord begehen würden, um an diese Karten zu kommen?“
Letztendlich hatte sie dem Drängen ihrer besten Freundin nachgegeben, obwohl sie sich für den Abend etwas ganz anderes vorgenommen hatte. Die Diplomarbeit schrieb sich schließlich nicht von selbst. Doch Sabrina hatte ihr schon so viele Gefälligkeiten erwiesen, dass sie nicht Nein sagen konnte.
Im Foyer stand plötzlich ein großer stattlicher Mann mit dunkel gewelltem Haar und gepflegtem Äußeren vor ihnen.
Er begrüßte zuerst ihre Freundin: „Guten Tag Sabrina, wie geht es Ihnen?“
Anschließend stellte er sich ihr mit einer Verbeugung vor: „Gestatten, Mending, Ferdinand Mending.“
Constanze reagierte wie ein schüchterner Teenager und brachte kaum einen Ton heraus. Sie spürte Hitze in sich aufsteigen. „Hoffentlich bin ich nicht rot geworden“, schoss es ihr durch den Kopf und erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass sich Ferdinand Mending wieder Sabrina zugewandt hatte.
Freundlich und distanziert zugleich erkundigte er sich: „Wo sind denn Ihre Eltern? Ohne triftigen Grund lassen sich die Frau Mama und der Herr Papa doch keine Premiere in diesem Haus entgehen.“
„Da haben sie Recht, Herr Mending. Bedauerlicherweise sind meine Eltern erkrankt. Sie haben sich eine fiebrige Erkältung zugezogen und müssen das Bett hüten. Aber: des einen Leid, des anderen Freud! Jetzt kommen eben meine Freundin Constanze und ich in den Genuss Don Giovannis.“
Das erste Läuten forderte die Besucher auf, ihre Plätze einzunehmen. Bevor sich Ferdinand Mending mit einem angedeuteten Kopfnicken verabschiedete, sprach er eine Einladung aus: „Es wäre mir eine Freude, dieses Gespräch bei einem Glas Champagner fortzuführen. Treffen wir uns doch in der Pause genau hier.“
Damit wandte er sich ab und schritt erhobenen Hauptes zu seiner Loge. Die Antwort der beiden jungen Frauen wartete er nicht ab. Für ihn stand außer Frage, dass sie seine Einladung annehmen würden. Einem Ferdinand Mending gab man schließlich keinen Korb. Nach der Oper ließen Sabrina und Constanze den Abend in einer Studentenkneipe bei einem Bier ausklingen.
Sabrina foppte ihre Freundin: „Dich hat es aber ganz schön erwischt. Mein Gott, wie du diesen alten Knacker angehimmelt hast. Und das Strahlen in dienen Augen, als er beim Pausenchampagner gefragt hat, ob er dich mal zum Essen ausführen darf. Was machst du denn, wenn der dich wirklich einladen sollte? Willst du dann tatsächlich mit Herrn Mending ausgehen? Noch fünf oder sechs Jahre älter und er könnte dein Vater sein!“
Constanze lächelte nur und ging nicht weiter auf Sabrinas neckische Bemerkungen ein. Doch später am Abend, als sie allein in ihrem Bett lag, geriet sie ins Grübeln. Was faszinierte sie so sehr an Ferdinand Mending? Sah sie in ihm ein Ebenbild ihres verstorbenen Vaters, den sie geachtet, geliebt und wahrscheinlich vergöttert hatte? Fühlte sie sich deshalb zu ihm hingezogen, weil in den letzten sieben Jahren drei Beziehungen zu gleichaltrigen Männern gescheitert waren? Nein, ganz bestimmt nicht. Was sie für ihn empfand war auf keinen Fall Liebe!
Ein paar Tage später fand sie in ihrem Briefkasten die schriftliche Einladung Ferdinand Mendings zu einem gemeinsamen Abendessen. „Das zeugt von Klasse. Eine handgeschriebene Einladung auf feinstem Büttenpapier“, dachte sie.
So hatte sich noch nie ein Mann um sie bemüht. Sie fühlte sich geschmeichelt und nahm die Einladung an. Als er sie zu ihrer ersten Verabredung abholte, überreichte er ihr anstatt Blumen eine Schachtel edle Pralinen, die sie in den nächsten Jahren noch so oft von ihm erhalten sollte. Sie dinnierten bei Kerzenschein auf der Terrasse eines Restaurants der gehobenen Kategorie. Der Ausblick auf den träge dahinfließenden Rhein war einzigartig. Luxus und Romantik pur. Bis zu diesem Abend war Essen für Constanze mehr eine überlebenswichtige Notwendigkeit als ein kulinarischer Genuss. In der Küche ihrer WG-Wohnung bereitete sie sich zumeist einfache und schnelle Gerichte zu. Hauptsache, es machte satt. Zu besonderen Anlässen gab es eine Pizza vom Italiener um die Ecke oder Ente süß-sauer mit Reis, Bambus und Pilzen bei ihrem „Lieblings-Chinesen“ und wenn sie Lust auf etwas Gutbürgerliches hatte, meldete sie sich bei ihrer Mutter an, die in Bad Godesberg wohnte. Ferdinand Mending lehrte sie, dass Essen auch eine Verführung der Sinne sein konnte.
In den folgenden Monaten verabredeten sie sich in immer kürzeren Abständen. Constanze hatte in der Zwischenzeit ihr Studium mit einem Diplom in Astrophysik abgeschlossen und war vom Institut, an dem sie studiert hatte, angestellt worden. Unter der Woche konzentrierte sie sich auf ihre Forschungsarbeit, für die sie häufig zum Observatorium Hoher List ins 100 Kilometer entfernte Daun reisen musste. Doch die Samstage und Sonntage verbrachte sie fast nur noch mit Ferdinand. Sein Charme und seine zuvorkommende Art fesselten sie. Er las ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Niemals bedrängte er sie. Das tat ihr nach all den schlechten Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit mit Männern gemacht hatte, gut. Sie genoss die Wertschätzung, die er ihr entgegenbrachte.
Nach etwa einem Jahr spürte sie dann, dass Ferdinand inzwischen mehr für sie war als nur ein guter, väterlicher Freund. Ihre Gefühle für ihn wurden von Tag zu Tag intensiver. Sie begehrte ihn. Dass er 15 Jahre älter war, spielte überhaupt keine Rolle. Sie wusste nicht, ob es Liebe oder bloßes körperliches Verlangen war, doch nach einem Jahr intelligenter Gespräche und kultureller Exkursionen wollte sie endlich mehr.
Eines Tages überraschte er sie mit einer Wochenendreise nach Lindau am Bodensee. Sein bevorzugtes Urlaubsziel, wie sie später zu ihrem Leidwesen erfahren sollte.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend…