Die Pralinen des Ferdinand Mending

 

Kapitel 1 (Teil 2)
Rebecca Wendt kam soeben aus der Dusche, als sie laut einen Elefanten trompeten hörte. Es war der extravagante und unverwechselbare Klingelton ihres Handys. Sie hatte eine besondere Vorliebe für die grauen Dickhäuter und nachdem ihr letztes Frühjahr im Elefantenhaus des Wuppertaler Zoos mit einem digitalen Rekorder einige gute Tonaufnahmen gelungen waren, hatte sie daraus einen Klingelton kreiert. Nackt folgte sie dem Ruf des Elefanten. Wassertropfen perlten an ihrem Körper hinab. Mit Ende Vierzig war sie immer noch eine schöne Frau. Aber sie bildete sich nichts darauf ein, dass sich die Männer auf der Straße selbst dann nach ihr umdrehten, wenn ihre reizvollen Kurven unter dem weiten grauen Kapuzenshirt, das sie so gerne trug, nur zu erahnen waren. Für Rebecca Wendt zählten andere Werte. Es war für sie wichtiger, sich ihre Natürlichkeit und Offenheit zu bewahren als ihre Schönheit.
Ihr Nokia lag auf dem Wohnzimmertisch. Ein Blick auf das Display verriet ihr, dass Armin in der Leitung war. Im Radio lief Sade‘s „Smooth Operator“.
Sie schüttelte ihren Kopf.
“Der Schussel wollte doch eigentlich gestern Abend anrufen. Würde mich nicht wundern, wenn der mal irgendwo seinen Kopf vergisst.“
Dann nahm sie das Gespräch an.
„Hallo Bruderherz, ist heute Morgen etwa gestern Abend?“ Armin Wendt lachte.
„Sorry Schwesterchen, kennst mich ja. Habe es einfach verpennt.“
„Stimmt, so ist das mit dir.“
Sie flachsten noch ein paar Minuten weiter und nachdem Armin seiner älteren Schwester versprochen hatte, in der übernächsten Woche mit seiner Freundin zu ihr nach Aachen zu kommen, verabschiedeten sie sich.
Rebecca Wendt drückte das Gespräch weg, ging ins Bad und nahm ein Frottee-Handtuch von dem aus der Mode gekommenen Rattanregal. Bei nächster Gelegenheit würde sie diesen Staubfänger entsorgen. Sie begann, sich abzutrocknen, und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Vor dem Fenster, wo sie während des Gesprächs mit ihrem Bruder gestanden hatte, entdeckte sie eine Wasserlache. Sie warf das Handtuch auf den Boden, stellte ihren rechten Fuß darauf und wischte das Laminat mit kreisenden Bewegungen trocken. Sie freute sich darauf, Armins Freundin endlich einmal persönlich kennenzulernen. Wurde ja auch Zeit. Bislang kannte sie nur ihren Namen, wusste aber nicht, wer sich dahinter verbarg. Einmal hatten sie kurz miteinander telefoniert, über Belangloses geklönt. Armin hatte seiner Freundin den Telefonhörer in die Hand gedrückt: „Komm, sag meiner Schwester mal was Nettes.“
Ihrer beider Befangenheit konnten sie in dem Gespräch kaum überwinden. Am Telefon machte die neue Flamme ihres Bruders einen netten Eindruck.
Dennoch, Rebecca brannte darauf, ihr Auge in Auge auf den Zahn zu fühlen. Sie kam gegen ihren Beschützerinstinkt nicht an. Seit ihrer Kindheit hatte sie als große Schwester Verantwortung für Armin übernommen. Sie dachte an seine chronische Erkrankung und rief sich eine Begebenheit in Erinnerung, die aus den Tiefen ihrer Seele an die Oberfläche drängte.
Der Spielplatz war typisch für die 60er Jahre. Sterilität in Sand und Gusseisen. Drei Schaukeln, ein Pilz, ein quadratisches Klettergerüst, zwei unterschiedlich große Sandkästen. Dazu ein paar Bänke für die Erwachsenen.
Sie beobachtete einen älteren Herrn, der seine beiden Enkelkinder auf dem Spielplatz beaufsichtigte. Er saß auf einer Bank und las im Kölner Stadt-Anzeiger. Rebecca sah auf dem Titelblatt das Bild eines Mannes. Damals kannte sie Gustav Heinemann nicht, über den an jenem 6. März 1969 alle Zeitungen berichteten. Auch als Erwachsene hatte sie mit Politik nichts am Hut. Allerdings wusste sie heute, dass die Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten so bedeutsam war, weil sie zu einem Stimmungswechsel in der Bevölkerung führte, der letztendlich den SPD/FDP-Wahlsieg im Herbst 1970 ermöglichte.
Sie wandte den Blick von der Zeitung zu ihrem jüngeren Bruder, der eben noch wild und ausgelassen mit den anderen Kindern gespielt hatte. Jetzt stand er regungslos vor dem Klettergerüst. Das pfeifende Ausatmen und sein Gesichtsausdruck waren eindeutige Anzeichen. Er hatte einen Anfall. Als ob sie es geahnt hätte. Sie hatte schon die ganze Zeit ein ungutes Gefühl. Niemals hätte sie Armin bei dieser kalten Luft so herumtoben lassen dürfen. Sie drohte, in Panik zu geraten. Doch schnell hatte sie sich unter Kontrolle. Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, was in einer solchen Situation zu tun sei. Sie eilte zu Armin, kniete vor ihm nieder und sagte etwas zu laut: „Kutschersitz.“
Dabei öffnete sie den Reißverschluss von Armins gefüttertem Anorak und half ihm in die eingeübte Position. „Ganz ruhig atmen, Armin!“
Schließlich sagte ihre Mutter das auch immer. Doch das bedrohliche Pfeifen wurde lauter, sein Gesicht wurde blass. Kalter Schweiß perlte auf seinem Gesicht. Er begann zu husten.
„Scheiße!“, dachte sie und schrie nach ihrer Mutter.
Der angsterfüllte Schrei hatte ihre Mutter auf den Balkon gelockt. Mit einem Blick erfasste sie die Situation, verschwand aus Rebeccas Blickfeld und stand kurze Zeit später mit dem Sprühfläschchen in der Hand vor ihnen. Augenblicklich sprühte sie zweimal in Armin‘s Mund. Nachdem Armin wieder auf den Beinen war, gingen sie alle drei Arm in Arm in die gemütliche 4-Zimmer-Wohnung im ersten Stock des an den Spielplatz grenzenden Mehrfamilienhauses. Sie wartete darauf, ausgeschimpft zu werden. Hatte ihre Mutter sie doch kurz vor dem Verlassen der Wohnung noch daran erinnert, das Asthmaspray mitzunehmen. Trotzdem hatte sie es vergessen. Dass ihre Mutter ihr keine Vorwürfe machte und sie stattdessen beim gemeinsamen Abendessen für ihr besonnenes Handeln lobte, verstand sie nicht. Sehr wohl aber verstand sie heute, dass die damaligen Vorkommnisse in der Folge ihr Verhältnis zu Armin prägten. Noch heute hatte sie das Gefühl, ihn schützen und bemuttern zu müssen.
Rebecca Wendt schaltete das Radio wieder ein. In der Küche setzte sie einen Kaffee auf. Danach beendete sie ihre Morgentoilette und zog sich an.
Mittlerweile war der Kaffee durchgelaufen. Sie goss sich einen Keramikbecher voll, stellte sich ans Wohnzimmerfenster und hörte die Radionachrichten. Vom zweiten Stock schaute sie auf die Straße und beobachtete eine Grundschulklasse, die laut, aber in geordneter Formation, begleitet von zwei Lehrerinnen in Richtung Hallenbad gingen.
Im Radio berichtete die sonore Stimme des Nachrichtensprechers über einen Verkehrsunfall mit zwei Toten auf der K 30 im nahegelegenen Würselen. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Lokalnachrichten von Antenne AC liefen und suchte die Frequenz ihres Lieblingssenders „WDR 2“.
*
Im Bahnhof suchte Armin Wendt eine Toilette auf. Er entleerte seine Blase, wusch sich die Hände und wischte sich mit einem Papierhandtuch Schweiß von der Stirn. Auf dem letzten Kilometer hatte er sein Tempo gedrosselt, trotzdem war er verschwitzt angekommen. Da war vermutlich eine Erkältung im Anmarsch. Armin Wendt fragte sich ratlos und ärgerlich mit sich selbst, weshalb er sich bloß jedes Jahr aufs Neue eine Grippeschutzimpfung verpassen ließ, wo er doch wusste, dass er sich danach wochenlang mit Husten, Schnupfen und Heiserkeit herumschlagen musste. Zumindest hätte er mit der Impfung warten können, bis er aus Hamburg zurück war. Er lerne es wirklich nie!
In der Bahnhofsapotheke versorgte er sich vorsichtshalber mit einer Meditonsin-Lösung und einem Päckchen Aspirin. Diese Medikamente halfen ihm für gewöhnlich und versprachen einen zumindest halbwegs beschwerdefreien Trip nach Hamburg.
Auf dem Bahnsteig fiel ihm ein Plakat ins Auge. Ein Veranstaltungshinweis für Elton Johns „The Red Piano“-Show im November. Leider hatte er kein Ticket für Sir Elton ergattern können. Schade, nun musste er sich halt mit einem Konzert von Kölner Nachwuchsbands am kommenden Samstag in Porz begnügen. Für diesen Event hatte man ihn, den gelernten Mediengestalter, als Verantwortlichen für Tontechnik, Bühnenbild und Lightshow gebucht. Das war das Schöne an seinem Beruf. Er konnte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Als der Intercity einlief, schaute er noch einmal nach, ob er den Fahrschein für die 1. Klasse und die Platzreservierung eingesteckt hatte. Er fand die Reiseunterlagen in der Brieftasche.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend…