Die Pralinen des Ferdinand Mending

 

Kapitel 1

Um fünf Uhr klingelte der Wecker. Ferdinand Mending war sofort hellwach, obwohl der Weckton leise eingestellt war. Er hörte das Atmen seiner Ehefrau. Sie war nicht wach geworden. Wenn er früh aus den Federn musste, hatte er den Wecker immer auf leises Summen gestellt, machte kein Licht an und schlich ins Badezimmer und duschte. Danach rasierte er sich nass. Gründlich wie immer. Anschließend zog er sich im Gästezimmer an, um seine Frau nicht zu stören. Sie stand erst gegen acht Uhr auf. Am Abend hatte er alles, was er zum Anziehen brauchte, auf der Ausziehcouch gelegt. Der Rollkoffer stand bereits gepackt an der Haustür.
Der dunkle Geschäftsanzug, das weiße Hemd und die bordeauxfarbene Krawatte harmonierten gut. Die schwarzen und glänzenden Schnürschuhe rundeten das Gesamtbild ab.
Er betrachtete sich in der Spiegeltür des Kleiderschrankes und nickte sich zu. Wie die meisten seiner Klassenkameraden wollte er Mitte der 60er Jahre Blue Jeans tragen. Diese kamen in Deutschland gerade in Mode. Vor allem die jungen Leute uniformierten sich mit den robusten Arbeitshosen aus Baumwolle. Sein Vater meinte, Blue Jeans seien nur was für Hippies und Gammler.
„Ein Mensch mit gutem Geschmack trägt so etwas nicht.“
Während die Blue Jeans das Bonner Beethoven-Gymnasium im Sturm eroberte, erschien der siebzehnjährige Ferdinand weiterhin in Stoffhosen mit Bügelfalte zum Unterricht.
Ferdinand war in den Augen seiner Klassenkameraden ein komischer Vogel. Er sonderte sich bewusst ab. Das war offensichtlich. Nie sah man ihn nach Unterrichtsende in der Eisdiele oder bei außerschulischen Veranstaltungen, wie dem Tanztee am Sonntagnachmittag. Partys fanden ohne ihn statt. Da war es doch irgendwie klar, dass er auch keine Blue Jeans tragen würde. Hätte auch nicht zu seiner Musik gepasst. Klassik. Sie hänselten ihn wegen seines konservativen Musikgeschmacks, ohne zu wissen, dass es Ferdinand streng untersagt war, Beat oder Rock`n`Roll zu hören. Ferdinands Vater predigte:
„Die Jugend von heute hat einen abartigen Musikgeschmack. Sie tritt das Erbe der großen deutschen Komponisten mit Füßen. Pfui, die sollten sich was schämen, diese Kulturbanausen. Ich jedenfalls werde Hippie-Musik in meinem Haus niemals tolerieren.“
Ferdinand fühlte sich in seiner Rolle als Einzelgänger unwohl. Dennoch folgte er kommentarlos seinem Vater. So war er erzogen worden. Es gehörte sich nicht, die Meinungen und Weltanschauungen der älteren Generation zweifelnd zu hinterfragen. Hätte ihm heute jemand vor Augen geführt, dass er sich hinter dieser Argumentation verstecke, weil er zu schwach sei, sich gegen seinen übermächtigen Vater aufzulehnen, er hätte ihn ausgelacht, obschon er ähnlich dachte. Denn nicht einmal in den Traumwelten, in die er sich oft genug flüchtete, ging er das Wagnis ein, seinem Vater Paroli zu bieten. Er redete ihm nach dem Mund. Selten traf er eigene Entscheidungen. Unbewusst orientierte er sein gesamtes Denken und Handeln am Wertesystem seines Vaters. Bis heute.
Er beendete seinen Ausflug in die Vergangenheit und nahm in der Küche des weiß getünchten Einfamilienbungalows sein Frühstück im Stehen ein und nach dem letzten Schluck Tee deckte er im Esszimmer den Frühstückstisch für seine Frau. Wie immer, wenn er eine mehrtägige Dienstreise unternehmen musste, hatte er bei dem Chocolatier in der Beethovenstraße zehn frische belgische Pralinen für Constanze gekauft. Es waren ihre Lieblingspralinen. Die goldene Pralinenschachtel arrangierte er mit zwei roten Rosen neben dem Frühstücksgedeck. Er liebte seine Frau seit ihrer ersten Begegnung bedingungslos. Zwar hatte es Ferdinand Mending in den ersten Jahren ihrer zweiundzwanzigjährigen Ehe bedauert, dass ihre Verbindung kinderlos geblieben war, aber inzwischen war das für ihn unerheblich. Sie hatten sich. Das genügte ihm.
Noch schlief Constanze Mending. Später würde sie ihr Frühstück mit ein oder zwei Pralinen krönen. Constanze würde die köstlichen Schokoladenkreationen im Mund zergehen lassen. Das war ein lange erprobtes Ritual im Hause Mending. Es hatte Tradition. Ebenso hatte es Tradition, dass Ferdinand Mending bei Dienstreisen stets das Auto benutzte, wenn der Zielort nicht weiter als 500 Kilometer entfernt lag. Für längere Strecken buchte er Linienflüge ab Köln oder Düsseldorf. Heute musste er nach Hamburg. Die knapp 450 Kilometer waren eine Strecke fürs Auto. Aber nachdem er gestern Abend zu Bett gegangen war, hatte er entschieden, mit den alten Gewohnheiten zu brechen und diesmal mit der Bahn anzureisen. Er lächelte nervös, als ihm in den Sinn kam, wie sich sein Vater über diesen Prinzipienbruch aufgeregt hätte. Obwohl er bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zu seinem Vater pflegte, übte dieser nach wie vor Macht über ihn aus. Vater lebte mittlerweile nicht mehr in Bonn, sondern in einem noblen Seniorenstift in Boppard. Die Anlage lag direkt am Rhein. Vaters kleines Apartment dort hatte einen Blick auf die Bopparder Hamm. Ferdinand war dort gewesen, nachdem er mit einem Brief von seinem Vater über den Wohnungswechsel informiert worden war. Aufgesucht hatte er seinen Vater allerdings nicht.
„Oh nein!“, dachte Ferdinand Mending, bevor er das Haus verließ, „diesmal mache ich keinen Rückzieher. Ich fahre mit der Bahn!“
Sein zufriedener Gesichtsausdruck verriet, wie sehr er diesen kleinen Sieg auskostete.
Als Leiter der Forschungsabteilung eines international agierenden Pharmakonzerns erzielte er ein ansehnliches Einkommen. Er genoss seine Privilegien. Wer konnte schon von sich behaupten, dass ihm sein Arbeitgeber eine silbergraue Mercedes Limousine der S-Klasse als Dienstwagen zu Verfügung stellte? Er bedauerte es beinahe, heute nur für wenige Minuten in den Luxus der Edelkarosse eintauchen zu können, denn die Strecke vom Bonner Stadtteil Beuel auf die andere Rheinseite ins Zentrum zum Hauptbahnhof betrug nur ein paar Kilometer. Sollte er nicht doch mit dem Auto nach Hamburg fahren? Es wusste doch niemand von seinem Vorhaben. Nein! Diesen Triumph gönnte er seinem Vater nicht.
Während er an diesem kalten, aber sonnigen Oktobermorgen die Rheinaustraße entlang fuhr und die Kennedybrücke überquerte, sorgte das Soundsystem des Mercedes für ein gutes Klangerlebnis. Ferdinand Mending lauschte Giuseppe Verdis Don Carlos. Zuletzt gesehen und gehört hatte er den Don Carlos im September letzten Jahres in der Frankfurter Oper, in der Inszenierung des Schotten McVicar, zusammen mit Constanze. Er liebte Opern und war daher enttäuscht, als das Ziel der kurzen Autofahrt erreicht war. Glücklicherweise hatte er seinen iPod eingepackt. Darauf waren seine Lieblingsopern im MP3-Format abgespeichert. Einer späteren Fortsetzung von Don Carlos stand also nichts entgegen.
Es war Viertel nach sieben. Der Dienstwagen stand sicher im rund um die Uhr bewachten City-Parkhaus. Von hier aus bis zum Bahnhof waren es nur fünf Gehminuten. Im Reisezentrum kaufte er eine Fahrkarte für die erste Klasse und buchte eine Platzreservierung. Das war heutzutage dank moderner Kommunikationstechniken noch kurz vor Abfahrt des Zuges möglich. Er bezahlte bar. Mit der im Kiosk nebenan erworbenen Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dem Focus schlenderte er Richtung Bahnsteig. Ferdinand Mending fühlte sich großartig. Schließlich hatte er unter Beweis gestellt, dass er spontan sein konnte. Es erregte ihn, dass er ein Geheimnis hatte. Vielleicht würde er Constanze später einweihen. Er lächelte zufrieden, als der Intercity aus Richtung Frankfurt einlief.
*
Armin Wendt wartete ungeduldig auf den morgendlichen Anruf seiner Freundin. Er musste gleich los, sonst würde er seinen Zug nach Hamburg verpassen, der um kurz nach acht Uhr vom Kölner Hauptbahnhof abfuhr. Endlich klingelte das Telefon. Sie war am Apparat. Die Zeit drängte. Daher versicherte er ihr nur kurz, dass er sie über alles liebe und zum Abschied hauchte er einen Kuss in den Telefonhörer.
Er dachte über ihre Beziehung nach. Sie hatten sich vor etwas mehr als anderthalb Jahren im Kölner Karneval kennengelernt. Die Erinnerungen an jenen Altweiberdonnerstag 2007 hatten ihn wieder eingeholt. Er dachte an den Getränkewagen auf dem Chlodwigplatz, vor dem er in einer Schlange anstand, und an ihr entsetztes Gesicht, als sie ein Glas Kölsch über sein Piratenkostüm verschüttete. Mit einem Päckchen Papiertaschentücher hatte sie ihn, so gut es ging, trockengelegt. Dann schenkte sie ihm ein Lächeln, entschuldigte sich und sprühte ihr Parfüm auf das Kostüm.
„Damit kannst du den Biergeruch kaschieren. Keine Angst, in Köln fallen hübsche Männer, die ein Frauenparfüm benutzen, kaum auf.“
Ihr Kompliment tat ihm gut. Denn obwohl er für einen Mittvierziger gut aussah, hatte er seit einiger Zeit weder eine feste noch eine flüchtige Beziehung. Ein charmanter Flirt war demnach überfällig. Außerdem gefiel sie ihm auf Anhieb. Mit dem lockigen roten Haar, das sie schulterlang trug, ihrem ovalen Gesicht und der von Sommersprossen umrahmten zierliche Nase hatte sie einen Pfeil in sein Herz geschossen. Was machte es da aus, dass sie knappe fünf Jahre älter war als er? Ob es Liebe auf den ersten Blick war, dessen war er sich auch heute noch nicht sicher. Er hatte Flugzeuge im Bauch und sie empfand damals scheinbar das Gleiche für ihn. Stillschweigend kamen sie überein, den Tag und die Nacht miteinander zu verbringen.
Auch am darauffolgenden Tag und in der nächsten Nacht konnten sie nicht voneinander lassen. Sie holten das nach, was sie wohl zu lange entbehrt hatten. Nur zu den Mahlzeiten verließen sie das Bett. Doch dann, nach dem zweiten gemeinsamen Frühstück, war sie so schnell verschwunden wie sie in sein Leben getreten war. Sie fragte ihn noch nach seiner Handynummer, tippte sie in ihr schwarz glänzendes Mobiltelefon ein, hauchte ihm im Vorbeigehen einen Kuss auf die rechte Wange und verschwand. Armin Wendt kam erst wieder zu sich, als er aus dem Küchenfenster blickte und sie vor der Haustür in ein wartendes Taxi einsteigen sah. Sie musste es bestellt haben, als er im Bad war.
„Verdammter Mist! Ich habe ihre Telefonnummer nicht. Hoffentlich meldet sie sich bei mir. Ich kenne doch nur ihren Vornamen“, fluchte Armin Wendt.
Er war zum Warten verdammt. Sie ließ ihn zappeln.
„Anscheinend war ich für sie lediglich ein rasches Abenteuer“, dachte er nach ein paar Tagen. Er war enttäuscht.
Einige Tage später stand sie unangemeldet vor seiner Tür.
„Du hättest wenigstens mal anrufen können“, murrte er und sie bat ihn um Verzeihung:
„Weißt du, als Projektmanagerin einer Veranstaltungsagentur bin ich dauernd in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Manchmal sogar in den Niederlanden und Belgien. Ich komme nur zweimal im Monat für ein paar Tage nach Hause. Bei meiner letzten Reise hatte ich soviel um die Ohren, dass ich es einfach nicht geschafft habe, dich anzurufen. Entschuldigung. Sei bitte nicht sauer. Ich liebe dich.“
„Wenn du mich wirklich lieben würdest, hättest du sicher ein paar Minuten für ein Telefongespräch erübrigen können“, schmollte Armin Wendt.
Doch er konnte ihr nicht länger böse sein. Er nahm sie in die Arme und bedeckte ihr Gesicht mit zärtlichen Küssen. Anschließend blieb sie wieder für zwei Tage.
Von da an trafen sie sich alle zwei bis drei Wochen bei ihm und jeden Morgen, wenn sie nicht zusammen waren, telefonierten sie miteinander. Auch wenn er sich mittlerweile vorstellen konnte, mit ihr zusammenzuziehen, fand er Gefallen an diesem Rhythmus, denn er ließ ihm alle Freiheiten.
Während sich Armin Wendt seinen Reiserucksack mit den Wechselklamotten und dem Waschzeug über die linke Schulter warf und die Wohnung verließ, um sich in Richtung Bahnhof aufzumachen, dachte er:
“Eigentlich seltsam. Immer treffen wir uns bei mir. Hat sie etwas zu verbergen?“
Aber genauso schnell, wie der Gedanke gekommen war, verflog er wieder. Er zog die Wohnungstür hinter sich ins Schloss und dachte nur noch an das Handballspiel zwischen dem HSV und dem TBV Lemgo, das er heute Abend live in der Color-Line-Arena erleben würde. Er war ein eingefleischter Handballfan und die modernen Arenen faszinierten ihn. Immer, wenn ihm sein Job als freiberuflicher Mediengestalter und seine neue Beziehung Zeit dazu ließen, reiste er durch die Weltgeschichte und sah sich Handballspiele an. Er sympathisierte mit dem VfL Gummersbach, dem oberbergischen Club, der früher viele Nationalspieler hervorgebracht hatte. Bei den Heimspielen in der Kölnarena war er oft zu Gast. Ein Fan des VfL im üblichen Sinne war er aber nicht. Es war der Handballsport als solcher, der ihn begeisterte. Die Erinnerung an das bei der Handball-WM 2007 in Köln ausgetragene Halbfinale zwischen der deutschen Nationalmannschaft und Frankreich, das er in der Halle miterleben durfte, trieb ihm noch heute Schweißperlen auf die Stirn. In der zweiten Verlängerung des Spiels erlitt er vor lauter Aufregung einen Anfall. Er hatte damals in seiner Umhängetasche nach dem Asthmaspray gesucht, hatte es aber nicht finden können. Letzten Endes hatte er es der Hilfsbereitschaft eines Franzosen zu verdanken gehabt, dass er nicht das Bewusstsein verlor. Der französische Fan hatte das Medikament in einem Seitenfach gefunden und es ihm gerade noch rechtzeitig verabreicht.
Der Rempler eines Passanten riss ihn aus seinen Tagträumen. Verblüfft erkannte er, dass er sich bereits ein gutes Stück von seiner Wohnung in der Kölner Südstadt entfernt hatte. Er hatte nicht den direkten Weg über die Severinstraße und den Waidmarkt eingeschlagen, sondern war vom Karthäuserhof in Richtung Rhein gegangen. Die Strecke am Rhein entlang war etwas länger. Aber da er rechtzeitig aufgebrochen war, bestand keine Gefahr, dass er die Abfahrt seines Zuges verpassen würde. Armin Wendt ging gerne diese Strecke und spazierte bei jeder Gelegenheit am Rhein entlang.
Während er über das Wasser blickte, atmete er die feuchtkalte Herbstluft ein. Ein tief im Wasser liegender Schleppkahn kämpfte sich gegen die Strömung flussaufwärts und vom Oberdeck eines unter Schweizer Flagge fahrenden Passagierdampfers winkten ein paar Reisende Richtung Ufer. Armin Wendt hatte ein flottes Tempo angeschlagen und außer Atem machte er vor dem Schokoladenmuseum eine kurze Rast.
„Ich Dösbaddel habe vergessen, Rebecca anzurufen. Hoffentlich ist mein Schwesterchen nicht allzu sauer auf mich“, dachte er, als er sich vor dem Museum auf ein Mäuerchen in die goldene Oktobersonne setzte.
Er hatte sich mit Rebecca für den gestrigen Abend zu einem telefonischen Plausch verabredet, und wieder einmal hatte er sie versetzt. Gott sei Dank hatte er noch Zeit, das Versäumte vor Abfahrt des Zuges nachzuholen. Er nahm sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und suchte in den abgespeicherten Kontakten die Nummer seiner Schwester.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend….