Die Pralinen des Ferdinand Mending.

 

Epilog

Januar 2014
Constanze wartete darauf, dass sich Ihre Zellentüre öffnete. Sie hatte einen Tag Freigang und sollte von Rebecca abgeholt werden. Es war schon der dritte Freigang in den letzten zwei Jahren.
Den Antrag auf vorzeitige Entlassung hatte sie gestellt. Man hatte ihr Aussichten auf eine erfolgreiche Entscheidung gemacht. Schließlich hatte sie sich während ihrer Haftstrafe vorbildlich verhalten und sich im November 2008 freiwillig gestellt, obwohl der Tod von Ferdinand ursprünglich auf plötzlichen Herztod attestiert wurde. Das Gift hatte auch nach ihrem Geständnis und nach der Obduktion des Leichnams nicht nachgewiesen werden können. Ferdinand hatte ganze Arbeit geleistet in seinem Kellerlabor.
Ihr Haus in der Rheinaustraße wurde komplett durchsucht. Man fand das Labor, die giftigen Substanzen und vieles mehr. An einer Pinnwand im Labor unter einer an die Wand montierten Schreibtischlampe hingen drei vergilbte Todesanzeigen. Von seiner Mutter, von seiner Großmutter und von einer Sarah Lindner.
Constanzes Ohnmacht führte man auf den plötzlichen Herztod ihres Gatten und später auch auf das Telefonat mit Rebecca zurück. Sie hätte frei sein können, aber das wäre sie ohne Geständnis nie gewesen. Das wurde ihr in den drei Tagen Klinikaufenthalt nach ihrer Ohnmacht klar. Schnell wurde sie aufgrund ihres eigenen Notrufes und eines zweiten Notrufes, den Rebecca ausgelöst hatte, gefunden und gerettet. Sie erholte sich schnell, vor allem, als sie erfuhr, dass ihr Freund lebte. Er war nach dem Schlaganfall heute wieder fast genesen und besuchte Constanze so oft er durfte.
Sie hatten den Plan geschmiedet mit einem kleinem, ökologisch geführten Bauernhof und einem Kultur-Café gemeinsam neu anzufangen. Bei diesem Vorhaben wurden sie von Rebecca unterstützt. Die Gerichte des Cafés wurden aus eigenen Bio-Produkten hergestellt. Ein Bio-Laden gehörte mittlerweile auch zum Hof. Und zum Team gehörte eine vierte Person. Alexander Lindner. Durch die Aufarbeitung von Ferdinands Lebensgeschichte traf die Polizei auf den Bruder von Sarah Lindner. Alexander freundete sich mit Rebecca an. Mit ihr besuchte er Armin in der Reha im Allgäu. Scheidegg war nur ein Katzensprung von Hörbranz entfernt. Armin und Alexander verstanden sich auf Anhieb. Anschließend besuchte Alexander auch Constanze. Vor Gericht sagte Alexander einmal, dass nicht Constanze, sondern er selber auf der Anklagebank sitzen müsste. Sie hätte seinen Job gemacht. Wie oft hatte er Ferdinand Mending in seinen Träumen ermordet. Hätte er es rechtzeitig getan, wäre Constanze Ferdinand nie begegnet.
Irgendwie war Constanze, die eine kleine Tasche packte, froh, dass alles so gekommen war und das sich vier Menschen begegnet waren, die sich ohne Ferdinand nie kennengelernt hätten. Diese vier Menschen waren miteinander verbunden und wollten den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen. Rebecca und Alexander verliebten sich ineinander, so dass Alexander beschloss seinen Hof am Bodensee zu verkaufen und den neuen Hof in der Eifel mit aufzubauen. Sein Wissen um die Landwirtschaft, im speziellen das Produzieren und Anbieten von Bio-Produkten war sehr wichtig. Er brachte seine ganze Erfahrung in das Unternehmen ein. Rebecca und Alexander bezogen die erste Wohnung, die fertig wurde, bevor ein paar Monate später Armin auch die zweite Wohnung einrichtete. Für sich und für Constanze. Egal, wie lange sie im Gefängnis sitzen würde. Da sie alle bereits Anfang fünfzig bis Anfang sechzig waren, hatten sie die Wohnungen seniorengerecht gestaltet.
Rebecca arbeitete zwar immer noch in ihrer Logopädenpraxis in Aachen, die fünfundvierzig Autominuten von dem Hof in Monschau entfernt lag. Jeden Tag saß sie also eineinhalb Stunden im Auto. Aber das war in Ordnung. Sie liebte den Hof. Sie liebte Alexander und in einem Jahr wollte sie die Praxis ganz ihrer jüngeren Mitarbeiterin Anja Schiller und einer vor zwei Jahren neu eingestellten Logopädin, die das Fach im nahen Heerlen studiert hatte, übergeben.
Alexander holte seinen Bruder Franz ebenfalls auf den Hof. Trotz seiner geistigen Behinderung war er in der Lage leichte Arbeiten zu verrichten. Franz Lindner gehörte somit ebenfalls zum Team. Es lebten also vier Personen auf dem Hof und für die fünfte, Constanze, war alles vorbereitet. Da der Richter sie nur wegen Totschlag und nicht wegen Mord verurteilt hatte, betrug die Haftstrafe acht Jahre. Spätestens 2016 würde sie wieder frei sein. Sie hoffte aber, dass ihrem Antrag stattgegeben würde. Dann bestand berechtigte Hoffnung, dass sie bereits 2014 raus käme. Der Richter hatte in seiner Urteilsverkündung gesagt, dass das milde Urteil darauf zurück zu führen sei, dass die Angeklagte zwar ahnen, aber nicht wissen konnte, dass die Substanz, die sie in den Tee geschüttet hatte, tödlich sein würde.
Constanze arbeitete tagsüber in der Küche des Gefängnisses. Ihre so gewonnenen Kenntnisse wollte sie in das neue Unternehmen einbringen. Abends schrieb Constanze ihre und Ferdinands Lebensgeschichte auf. Es sollte ein Psycho-Krimi werden. Durch die polizeiliche Ermittlungsarbeit hatte sie alles über Ferdinand erfahren, was bisher im Verborgenen geblieben war. Sogar Franz Mending, der mit über 90 Jahren immer noch geistig rege war, trug zur Aufklärung bei, ins besondere aber der Urologe Harald Schweitzer, Alexander Lindner und sie selbst.
Im Gefängnis hatte sie bereits Lesungen mit dem Manuskript gehalten.
Den Bühnenhörspieler wollte sie beauftragen aus der Geschichte ein Hörspiel für die Bühne des Kultur-Cafés in der Eifel zu machen. Diese Kleinkunstbühne auf ihrem Hof hatte sich innnerhalb von drei Jahren etabliert und der Bühnenhörspieler trat seit 2010 viermal jährlich hier auf. Neben den Bühnenhörspielen standen kleine Theaterstücke, Lesungen und Akkustikkonzerte auf dem Spielplan. Letzten Monat war sogar farfarello mit dem Geiger Mani Neumann und dem Gitarristen Ulli Brand aufgetreten. Nächsten Monat würde die österreichische Schauspielerin und Krimiautorin Isabella Archan zu Gast sein. Gespräche mit dem Gitarrenvirtuosen und Chansonnier Peter Horton hatte Armin bereits geführt. Im nächsten Jahr sollte der Künstler an einem Wochenende drei Konzerte geben.
Als sich ihre Zellentüre öffnete wurde Constanze aus ihren Gedanken gerissen. Ihre Freude auf den heutigen Tag stieg. Sie lächelte. Ein Tag Freiheit. Ein Tag mit den Menschen zusammen sein, die Ferdinand zusammengeführt hatte. Menschen von denen sie geliebt wurde und Menschen, die sie liebte. Einen davon mehr als alles auf der Welt.
Bevor sie mit Rebecca zum Hof in die Eifel fuhr, wollte Constanze noch eine kleine Schachtel Edelpralinen kaufen und damit zu Ferdinands Grab auf dem Poppelsdorfer Friedhof gehen. Rebecca deutete ihre Worte so, als ob es das letzte Mal wäre. Das zweite und letzte Mal wollte Constanze zu Ferdinands Grab, um sich für immer und alle Zeit zu verabschieden, ein Schlussstrich für einen Neuanfang.
„Eine gute Idee“, dachte Rebecca. „Darf ich mitkommen“, fragte sie Constanze.
Constanze nickte. Rebecca wollte ebenfalls einen Schlussstrich unter diese Sache ziehen. Für Armin, für Constanze, für Alexander, für Franz und auch für sich selbst.
Nachdem Rebecca ein paar Minuten still am Grab von Ferdinand Mending gebetet hatte, trat sie drei Schritte zurück und ließ Constanze alleine am Grab stehen. Doch sie beobachtete die Freundin ihres Bruders aus den Augenwinkeln.
Rebecca sah, wie Constanze etwas aus ihrer Handtasche nahm und in den Mund steckte.
Constanzes Blick war auf den Grabstein gerichtet. Sie ließ die letzte Edelpraline, die sie in ihrem Leben essen wollte, langsam im Mund zerschmelzen.

 

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Über den Autor
Wolfgang Rosen, Jahrgang 1961, ist Schriftsteller und Rezitator. Der Vorsitzender der Alsdorfer Lesebühne organisiert und produziert szenische „Hörspiel-Lesungen“.
Als DER BÜHNENHÖRSPIELER präsentiert er seine Solo-Programme. Neben seinen Programmen wie Krimi-Tango, EchtPOEtisch und RosenRoth, gestaltet er auch seine Buchgeschichten als Bühnenhörspiele.
Am liebsten schreibt er Lebenserinnerungen, die mit Elementen der Reiseerzählung garniert werden, wie zum Beispiel „Der Novize der Ewigkeit“ und „Dolomo?“

Danksagung
Ich bedanke mich bei allen, die mich bei diesem Buch unterstützt haben und die meine künstlerischen Aktivitäten mittragen.
Im besonderen bedanke ich mich bei meiner Frau und meinen Kindern, bei meinem Schwiegersohn und meinen beiden Lektorinnen Claudia und Anja,
und bei Jan, der soviel Fröhlichkeit in unser Leben bringt.