Die Pralinen des Ferdinand Mending.

 

Kapitel 8

Ferdinand Mending konnte sich auf nichts konzentrieren, was mit seinen beruflichen Terminen zu tun hatte. Sein Drang nach Hause zu fahren, überlagerte jegliche Vernunft. Er wollte zu Constanze. Seiner geliebten Constanze. Sofort. Den ganzen Tag über waren die Besprechungen und Präsentationen an ihm vorbei gelaufen. An das ausgiebige Mittagessen konnte er sich kaum noch erinnern. Der Tag blieb schemenhaft. Er war heute nicht der Ferdinand Mending, den er kannte und achtete. Er musste zu Constanze. Für immer. Er malte sich aus, wie er es ihr morgen früh sagen würde. Es würde alles gut. Bald wäre er endlich ein Pensionär. Er wäre immer für sie da.
„Sie wird sehr glücklich sein“, dachte er, als er nach dem letzten Termin für heute seine Aktentasche packte. Zwei Termine für den nächsten Tag hatte er bereits im Laufe des Tages absagen können. Eine weitere Absage stand noch aus. Dafür war jetzt keine Zeit mehr. Das müsste er von zu Hause erledigen. Er verabschiedete sich, zog seinen Mantel an und ging aus dem Unigebäude hinaus auf den Parkplatz zu seinem Wagen. Er schloss auf, zog seinen Mantel wieder aus und legte ihn sorgfältig wie immer auf den Rücksitz. Er ärgerte sich ein bisschen über den fehlenden Knopf. Er konnte sich nicht erinnern, wann und wo er ihn verloren hatte. Ein fehlender Knopf konnte ihn normalerweise zur Raserei treiben. Heute nicht. Er dachte nur an sie, an seine Constanze. Eine Frau, die ihn über alles liebte, das wusste er. Eine Frau, die er ein wenig vernachlässigt hatte. Das sollte sich ändern. Für immer.
*
Zu Hause angekommen, hatte Constanze Mending einiges zu tun. Zuerst ging sie in den Keller. Zuvor, als sie unbemerkt in seinem Reich gewesen war, hatte sie auf diese Pinnwand nicht geachtet. Es hingen einige unsortierte Zettel daran. Diese Pinnwand war die einzige Unordnung, die sie an Ferdinand kannte. Völlig ungewöhnlich. Demnächst würde sie sich die Zettel einmal genauer ansehen, jetzt aber war dazu keine Zeit. Es gab Wichtigeres zu tun.
Wieder an ihrem Computer sagte sie in einer E-Mail alle Uni-Termine ab, die sie für diese Woche vereinbart hatte. Während der Zugfahrt hatte sie durch eine geschickte Gesprächsführung mit der Sekretärin ihres Mannes erfahren, dass er, entgegen seiner Behauptung, keine Termine an dem Tag gehabt hatte, an dem er nach Hamburg gefahren war. Die losen Puzzleteile wurden mehr und mehr zu einem Bild. Möglicherweise hatte er von ihrer Beziehung zu Armin erfahren und hatte die Zugfahrt inszeniert. Vielleicht waren die beiden auch zufällig zusammengetroffen. Vieles war möglich. Sicher war sie sich, dass Ferdinand von ihrer Beziehung zu Armin wusste. Deshalb musste sie handeln. Er würde vor nichts, vor gar nichts zurückschrecken. Das war ihr klar. Seine Zuneigung zu ihr war pathologisch. Diese Erkenntnis hatte sie lange verdrängt. Jetzt stand sie in großen Lettern vor ihrem geistigen Auge. Nicht zu Überlesen. In ihrem tiefsten Inneren hatte bereits ein neues Leben begonnen.
*
Rebecca Wendt hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht und drei Automatenkaffees getrunken. Ihrem Bruder ging es seit dem Vorabend sehr schlecht. Zu seinem ohnehin schon schlechten Zustand gesellte sich um kurz nach acht noch ein Schlaganfall. Wäre er nicht in einem Krankenhaus und dazu noch auf einer Intensivstation gewesen, hätte er diesen Anfall nicht überlebt. Rebecca machte sich auf das Schlimmste gefasst. Constanze hatte sie am Abend zuvor noch nicht anrufen wollen. Sie wartete erst noch die Untersuchungen am heutigen Morgen ab.
*
Es war weit nach Mitternacht, als Mending den Wagen in die Garage fuhr. Constanze stand oben am Schlafzimmerfenster und beobachtete ihn. Wenn er hoch kommen sollte, würde sie tief und fest schlafen. Das sollte er zumindest glauben. Er ging leise ins Haus, stellte seine Sachen ab und ging in die Küche, um sich etwas Kühles zu trinken zu holen. Bevor er zu ihr ins Schlafzimmer gehen würde, wollte er noch in einer E-Mail den letzten Termin absagen, der in Hamburg noch offen geblieben war. Er ging die ersten zwei Stufen der Kellertreppe herunter, blieb stehen und kehrte um. Er wollte zuerst den Rechner in seinem Labor benutzen, entschloss sich aber in das Arbeitszimmer seiner Frau zu gehen, um noch ein wenig die Sterne zu beobachten und ihren Duft, der immer in diesem Zimmer lag, mit allen Sinnen aufzunehmen.
Er ging hoch, öffnete das Zimmer, machte die Schreibtischlampe an und stellte das Glas mit dem kühlen Orangensaft auf den Tisch neben die Tastatur. Er fuhr den Rechner hoch und wählte sich ins Internet ein. Constanzes Duft erreichte seine Nase. Er öffnete den Browser, um sich über eine Webmail-Schnittstelle mit seinem Firmen-Mail-Konto zu verbinden. In der linken Spalte der Browsersoftware war der Verlauf eingestellt. Es waren also die letzten aufgerufenen Seiten in chronologischer Reihenfolge zu sehen. Er war neugierig, was Constanze so alles in den letzten Tagen aufgerufen hatte und klickte die Einträge an. Entsetzen entfaltete sich auf seinen, bis dahin, entspannten Gesichtszügen. Was er da las, konnte er kaum glauben. Das Weichei war gar nicht so schwächlich, wie er gedacht hatte. Wie hatte er den Mistkerl unterschätzen können?
Er hätte ihm die Gurgel umdrehen sollen. Aber er hasste körperliche Gewalt. Sein Saftglas lag auf dem Boden. Der Saft ergoss sich über das Parkett. Er hatte das Glas heruntergeschleudert. Der Artikel auf dem Monitor brannte in seinen Augen. Er löste seine Krawatte und öffnete den obersten Knopf. Seine Gedanken überschlugen sich. Constanze wusste Bescheid. Aber sie würde nie erfahren, dass er in dem Zug war. Den Termin für morgen würde er nicht absagen, nur zeitlich nach hinten verschieben. Auf der erneuten Fahrt nach Hamburg würde er in Münster Station machen müssen. Wie er in die Intensivstation kommen sollte, war ihm noch nicht ganz klar, aber er hatte schon eine Idee. Seine beruflichen Kontakte sollten ihm nützlich sein. Zu Constanze würde er sagen, dass er zurückgekommen sei, weil er wichtige Unterlagen vergessen hätte.
Er legte sich auf das kleine Sofa ihres Arbeitszimmers und schaute durch das Dachfenster in den sternenklaren Himmel. Wenn er morgen die Sache erledigt hätte, würde alles gut sein. Constanze brauchte nur ihn und nicht den Mistkerl. Das wusste er. Er schlief ein und träumte von einer Wandertour mit Constanze auf dem Pfänder. Sie schauten beide ins Tal auf den Bodensee herunter und blickten dabei in einen Orchestergraben.
Constanze hatte nicht geschlafen. Sie war angespannt und konzentriert. Sie hatte unterschwellig das Gefühl eine andere Constanze zu sein. Eine die sie so nicht kannte. Nachdem ihr Mann in ihr Arbeitszimmer verschwunden war, hatte sie seinen Mantel kontrolliert. Was sie sah, überraschte sie nicht. Sie hatte es nicht anders erwartet. An seinem Mantel fehlte ein Knopf.
Um halb sechs begann sie das Frühstück herzurichten. Mit allem, was er mochte. Sogar die restlichen Pralinen stellte sie in einer Schale auf den Tisch. Sie presste frischen Orangensaft. Nachdem sie Teewasser aufgesetzt hatte, ging sie hoch in ihr Arbeitszimmer und fand ihren Mann schlafend vor. Sie weckte ihn und fragte, was los sei. Er wurde nur langsam wach und versuchte seine Gedanken zu sortieren. Er lächelte sie an, nahm ihre Hand und erzählte ihr die zurechtgelegte Geschichte. Sie war liebevoll und bedauerte, dass er wegen der fehlenden Unterlagen hin und her fahren müsse. Er duschte und zog frische Kleidung an. Er war auf der Hut. Constanze war ihm eine Spur zu liebevoll. Das war er nicht gewohnt.
„Oder hat sie endlich eingesehen, dass es nur einen Mann in ihrem Leben geben kann, der ihr alles bietet, was sie braucht“, dachte er, während er die Treppe herunter ging.
Sie goss Tee in seine Tasse. Seinen Lieblingstee. Er nahm einen ersten heißen Schluck im Stehen, gab seiner Frau einen Kuss und setzte sich an den Tisch. Er aß ein aufgebackenes Croissant und frischen Obstquark, sie eine Scheibe Schwarzbrot mit Käse und einer Tomatenscheibe. Dazu trank sie ein Glas Milch. Sie goss ihm eine zweite Tasse Tee ein. Sie schaute ihn lange an. Er konnte dem Blick nicht standhalten.
„Hast du auf meinem Rechner den Artikel über den Mann gelesen, der im Zug einen Asthmaanfall erlitten hat?“
Mit so einer Frage hatte er nicht gerechnet. Er schaute sie verwirrt an.
In sehr ruhigem Ton fragte sie weiter: „Warum bist du mit dem Zug nach Hamburg gefahren? Das machst du doch sonst nie.“
Seine Hände zitterten. Seine Stirn wurde heiß. Kalter Schweiß bildete sich. Er konnte nicht reden. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen.
„Sie weiß Bescheid“, dachte er.
„Ich muss etwas tun. Ich werde uns beide retten.“ Er versuchte aufzustehen. Er wollte in den Keller gehen, um eine Spritze zu holen. Jeder sollte eine Praline essen. Erst sie, dann er. „Der Pfänder wartet auf uns.“
Doch seine Beine versagten. Er hatte keine Kraft mehr. Es fühlte sich alles wie gelähmt an. Er schnappte nach Luft und sah den Mistkerl im Zugabteil vor sich.
„Was ist mein Schatz, hat es dir die Sprache verschlagen?“
Er wollte nach ihr packen, aber sie wich aus. „Nimm eine Praline, dann geht es dir gleich besser.“
„Sie will mich vergiften“, dachte er und schaute sie entsetzt an.
Das Atmen wurde zu einem Hecheln. „Du glaubst, ich will dich mit einer Praline vergiften. Aber nein, mein Schatz, sieh, dann esse ich sie eben.“
Er brachte keinen Ton heraus. Todesangst stellte sich ein. Was geschah mit ihm. Er konnte Constanze nur noch verschwommen sehen. Ihm wurde schwindelig. Er röchelte, fiel vom Stuhl und zog dabei die Tischdecke und das ganze Frühstück vom Tisch. Er lag zwischen Geschirr, Gebäck und Obst auf dem Boden. Über ihn gebeugt, spürte und hörte er Constanze. Sehen konnte er nichts mehr. Plötzlich tauchten, erst schemenhaft und schließlich sehr deutlich, drei Frauen vor ihm auf. Seine Mutter, seine Großmutter und eine lächelnde Sarah. Sie warteten schon auf ihn. Ein nie gekanntes Glücksgefühl stellte sich bei ihm ein. Darauf also hatte er ein Leben lang gewartet. Er freute sich. Er winkte ihnen zu. Constanze übergab ihn an diese drei Frauen und blieb alleine zurück. Aber irgendwann würde sie nachkommen. Dann wären alle vereint.
„Mein Schatz, es waren nicht die Pralinen, es war der Tee, es war nur der leckere Tee“, war das letzte was er von Constanze hörte.
Constanze Mending überlegte kurz, wie sie nun weiter vorgehen sollte. Sie war wieder überrascht über ihre präzise und durchdachte Vorgehensweise. Absolut rational. Das wenigstens hatte sie von Ferdinand gelernt. Alles vertuschen und die Leiche wegschaffen, wäre Unsinn. Sie war zu intelligent, um solch eine Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Würde sie das tun und ihren Mann als vermisst melden, würde die Polizei ihr schnell auf die Schliche kommen. Sie wollte ganz nah an der Wahrheit bleiben. Gleich würde sie selbst die Polizei anrufen und von der zerrütteten Ehe, von Armin Wendt und den Geschehnissen der letzten Tage berichten. Sie würde davon berichten, dass sie ihren Mann zur Rede gestellt hatte und dass der Knopf ein eindeutiger Beweis war. Nachdem sie ihm gesagt hatte, dass sie sich von Ferdinand Mending trennen wollte, wäre er in den Keller gegangen und mit einem Fläschchen aus seinem Labor wieder hoch gekommen. Die Flüssigkeit hätte er in den Tee laufen lassen und dann mit den Worten getrunken, dass sie des Mordes angeklagt werden würde. Die Giftflasche steckte sie in seine Hosentasche, ohne Fingerabdrücke zu hinterlassen. Auch an der Labortür oder im Labor selber würden keine Fingerabdrücke von ihr zu finden sein.
Sie war noch nie in ihrem Leben in diesem Raum. Er war schließlich stets verschlossen und sie wusste doch nicht einmal, wo der Schlüssel war. Außerdem interessierte sie sich gar nicht dafür. Er wollte, dass sein Selbstmord wie ein Mord aussah.
So wollte sie die Sache darstellen. Möglicherweise würde sie vor Gericht gestellt, aber am Ende würde sie als unschuldig gelten. Ferdinand hatte verloren. Sie war endlich frei für ein neues Leben. Sie war bereit. Sie ging zur Anrichte. Dort lag das mobile Telefon des Hausanschlusses. Sie wählte die Nummer des Notrufes. Kurz danach läutete ihr Handy. Rebecca Wendt war in der Leitung. Constanze merkte sofort, dass Rebecca geweint hatte.
„Nicht, bitte nicht“, dachte Constanze. Pause. Keiner sprach. Constanze hörte, wie Rebecca kurz und tief atmete.
„Rebecca, was ist?“
„Constanze.“
Wieder Stille.
„Rebecca bitte, sag‘, was ist mit Armin, … ist er tot?“
Wieder eine kurze, aber quälende Pause. Eine Pause, die die Antwort zu geben schien. Constanze brach zusammen.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend…