Die Pralinen des Ferdinand Mending.

 

Kapitel 7

Rebecca Wendt und Constanze Mending kamen fast zeitgleich an Armins Wohnung an. Seine Schwester war lediglich drei Minuten vor Constanze da. Sie begrüßten sich mit einer innigen Umarmung. Man hätte annehmen können, dass sie sich schon lange kannten. Das erste befangene Telefonat war wie weggeblasen. Sie gingen gemeinsam in die Wohnung und Rebecca packte ein paar Sachen für Armin ein. Beide kamen überein keinen Kaffee zu kochen, sondern sofort zum Chlodwigplatz zu gehen und von dort zum Hauptbahnhof zu fahren. Sollte noch Zeit bleiben, würden sie im Bahnhof einen Kaffee trinken, ansonsten im Zug oder erst in Münster. Tee wollte Constanze nicht mehr trinken. Nie mehr. Aus und vorbei.
Mittags kamen die beiden Frauen in Münster an. Sie hatten die Zugfahrt genutzt, um sich kennenzulernen und ausgiebig miteinander zu plaudern. Beide lenkten das Gespräch vom eigentlichen Grund ihrer gemeinsamen Reise ab. Sie mochten sich. Constanze war überrascht, wie sehr Armin und Rebecca sich in Aussehen und Wesen ähnelten. Rebecca war kleiner als ihr Bruder und im Gegensatz zu Armin etwas pummelig, aber nicht dick. Sie hatte wie er kurze schwarze Haare und ein hübsches, freundliches Gesicht.
Am Münsteraner Hauptbahnhof nahmen sie ein Taxi, um so schnell wie möglich in die Klinik zu gelangen. Die Fahrt ging um die Altstadt herum in westliche Richtung zum Gelände der Westfälischen Wilhelms-Universität. Rebecca zahlte die Fahrt, als der Taxifahrer am Haupteingang der Bettentürme des Zentralklinikums hielt. Es dauerte noch eine Viertelstunde, bis sie sich zur Kardiologischen Intensivstation durchgearbeitet hatten. Als Rebecca sich als Schwester des Patienten Armin Wendt ausweisen konnte und Constanze als seine Lebensgefährtin vorgestellt hatte, durften sie eintreten. Von dem diensthabenden Oberarzt Dr. Gutsdorff wurden sie über Armins kritischen Zustand informiert. Trotz seines nervenaufreibenden Jobs strahlte der Arzt Ruhe aus. Er sagte zu den beiden Frauen: „Aus der Bewusstlosigkeit ist er zwar aufgewacht, aber er ist noch verwirrt. Er hat noch nicht realisiert, wo er sich befindet und hat auch noch keine Erinnerung an den letzten Tag.“
Rebecca fragte: „Wird er wieder ganz normal, eh, ich meine gesund?“ Constanze zuckte zusammen. Sie hatte über diese Frage auch schon nachgedacht, aber sich nicht getraut, sie zu stellen. Der Oberarzt nickte und antwortete: „Wenn er das Ganze körperlich übersteht, wofür wir alles tun werden, dann wird er geistig wahrscheinlich keine Schäden zurückbehalten. Der jetzige geistige Zustand ist normal in seiner Situation. Es handelt sich zur Zeit bei ihm um eine retrograde Amnesie, die aber in einigen Tagen bis Wochen verschwinden wird.“
Als die beiden Frauen in fragend ansahen, erläuterte der Arzt: „Retrograde Amnesie ist ein vorübergehender Erinnerungsverlust. Aber keine Sorge, er wird sie sicherlich beide erkennen. Er wird sich jedoch vorerst nicht an die Zeit des Erkrankungsvorfalls erinnern können.“
Rebecca hakte nach: „Wie weit reicht die Erinnerungslücke zurück?“ Dr. Gutsdorff schaute zuerst Rebecca, dann Constanze an. „Das ist unterschiedlich. Manche Patienten, zum Beispiel Unfallopfer, können sich daran erinnern, dass sie die Straße entlang gefahren sind und ein entgegenkommendes Auto gesehen haben. An den Zusammenstoß erinnern sie sich nicht. In anderen Fällen kann die Lücke einige Tage umfassen. Bei ihrem Bruder und bei ihrem Freund wissen wir das noch nicht.“
Der Arzt schaute zuerst Rebecca und dann Constanze an. Nach einer kurzen Pause, als beide nickten erklärte dieser weiter: „Möglicherweise erinnert er sich nicht an die Zugfahrt. Wir müssen abwarten.“
Schließlich baten beiden Frauen den Oberarzt, Armin sehen zu dürfen. Er erlaubte es zwar, allerdings nur für fünf Minuten.
Armin Wendt war an die üblichen Schläuche und Apparate angeschlossen. „Die Atmosphäre kennt man ja aus dem Fernsehen“, dachte Constanze, „aber selbst dabei zu sein, das ist schon krass.“ Sie musste sich überwinden, näher an das Bett zu treten. Armin bemerkte die beiden Besucherinnen. Die Linien auf einem Überwachungsmonitor schlugen aus. Er schaute Constanze mit großen Augen an. Er wollte sprechen, aber seine Stimme versagte. Beim zweiten Versuch glaubte Constanze, die jetzt ganz nah an seinem Bett stand und seine linke Hand streichelte, etwas, wie „Pralinen“ und „Gift“ zu verstehen. Was hatte das zu bedeuten? Rebecca, die weiter weg stand und nun auch auf Armin zuging, hatte nichts verstanden. Die Linien auf dem Monitor beruhigten sich wieder. Armins Augen waren wieder geschlossen.
Der Oberarzt bat die beiden Frauen, das Intensivzimmer wieder zu verlassen und ihm in sein Arztzimmer zu folgen. Beide Frauen streichelten zum Abschied Armins Hände und Constanze küsste ihn auf die Stirn. Sie hatte Tränen in den Augen. Während sie hinter Rebecca und Dr. Gutsdorff herging, sprach sie ein stilles Gebet.
Im Arztzimmer warteten bereits eine ältere Frau von etwa Mitte fünfzig und ein jüngerer Mann um die dreißig auf den Arzt und auf die beiden Frauen. Dr. Gutsdorff machte alle miteinander bekannt. Die beiden wartenden Personen wurden als Polizeibeamte vorgestellt, Frau Hauptkommissarin Helga Obermann und Herr Oberinspektor Klaus Zimmer. Die Beamten ermittelten in dem Fall und waren informiert worden, dass Constanze und Rebecca im Hause seien. Die Beamten hatten einige Fragen und gaben ihrerseits Auskunft über den Stand der Ermittlungen.
„Wir ermitteln“, sagte die Hauptkommissarin, „weil bei Herrn Wendt keine Papiere gefunden wurden. Dies ist sicher untypisch für Bahnreisende. Von ihnen beiden wissen wir jetzt, dass er auch mit Gepäck unterwegs war.“
„Was bedeutete das nun?“, wollte Constanze wissen. Die Blicke der Polizistin und der Fragenden trafen sich. Der Oberinspektor ergriff das Wort: „Bisher gibt es nur Vermutungen. Herr Wendt könnte während der Bewusstlosigkeit bestohlen worden sein. Es kann auch sein, dass er genötigt wurde, seine Wertsachen herauszugeben und anschließend vor Aufregung den Anfall erlitt.“
Die Hauptkommissarin ergänzte: „Trotz der Kopfverletzung konnten wir keine Spuren eines Kampfes feststellen und laut der Mediziner hier und der Notärztin vor Ort, hat der Patient keine weiteren äußerlichen Verletzungen.“ Sie schaute den Oberarzt fragend an, der bestätigte.
„Könnte er mit einer Waffe bedroht worden sein?“, fragte Rebecca.
Die Polizisten nickten beide.
„Ja, sicher“, antwortete der Oberinspektor, „das ist natürlich denkbar. Unsere Kollegen sind dabei, die möglichen Zeugen zu befragen oder weitere ausfindig zu machen. Zumindest diejenigen, die im gleichen Waggon saßen, sind bereits befragt worden. Aber niemand hat etwas Verdächtiges bemerkt.“
Frau Obermann wollte von Constanze und Rebecca wissen, ob er alleine gereist sei, was beide Frauen bestätigten. Constanze warf ein, dass sich zumindest zeitweise ein älterer Herr im Abteil befunden haben musste. Dies jedenfalls hatte ihr Armin im Telefonat mitgeteilt. Der Oberinspektor notierte diese Information. Die Hauptkommissarin holte eine kleine Plastiktüte aus ihrer Manteltasche und legte das Tütchen auf den Tisch. Es enthielt einen schwarzen Knopf mit einem dünnen silbernen Metallring darum.
Alle schauten auf die Tüte. Rebecca Wendt und Dr. Gutsdorff schauten die Polizistin fragend an. Constanze Mending starrte auf den Knopf, ohne dass die Anderen Notiz von ihr nahmen. Ihr wurde heiß und kalt. Sie hatte das Gefühl, dass sie hochrot und gleichzeitig ganz bleich aussehen müsse. Hauptkommissarin Helga Obermann stand auf und setzte zu einer Erklärung an. „Diesen Knopf hielt der Patient in den Händen, als er von den Sanitätern und der Notärztin versorgt wurde.“
Sie schaute zu Rebecca und dann zu Constanze, die sich ein wenig gefangen hatte. Ihre kurze Gefühlswoge hatte scheinbar niemand bemerkt.
„Kennen Sie diesen Knopf? Gehörte er zu einem Kleidungsstück des Patienten?“
Beide verneinten. Zumindest würden sie kein Kleidungsstück von Armin Wendt kennen, wozu dieser Knopf passte.
„Dann besteht die Möglichkeit“, setzte die Polizistin fort, „dass dieser Knopf einem möglichen Täter gehört. Das muss aber nicht so sein. Vielleicht hat es nichts zu bedeuten, vielleicht hat der Knopf auch einfach nur im Abteil gelegen. Ich denke wir werden mehr erfahren, wenn sich der Patient dazu äußern kann. Das Wichtigste ist sicherlich, dass er wieder ganz gesund wird.“
Alle nickten. Die Hauptkommissarin bedankte sich und verabschiedete sich mit Handschlag von den Frauen und ging mit dem Oberarzt aus dem Raum. Ihr Mitarbeiter, Oberinspektor Zimmer, nahm noch die Personalien und Erreichbarkeiten der beiden Frauen auf.
Danach ging Constanze zur Besuchertoilette. Sie brauchte ein paar Minuten für sich alleine. Sie ließ kaltes Wasser über ihre Hände laufen und wusch sich das Gesicht. Sie atmete tief ein und aus. Was waren das für Merkwürdigkeiten? Das Telefonat aus einem Zug. Dann Armins undeutliche Worte: Gift und Pralinen. Jetzt fiel ihr die Bemerkung von Henriette Keller, dass sie angeblich Ferdinand in Bonn im Parkhaus gesehen hätte. Der Knopf. Ferdinand Mendings Lieblingsmantel hatte solche Knöpfe. Dies alles waren Puzzlestücke, die von Constanze, so dachte sie, nur richtig zusammengesetzt werden müssten. Dann würde es ein Bild ergeben. Ein hässliches Bild.
„War Ferdinand in diesem Zugabteil? War Ferdinand der ältere Herr, von dem Armin gesprochen hatte? Hatte er den zweiten Anruf von Armins Handy geführt? Wusste er Bescheid? Zufällig, weil er in diesem Zug gesessen hatte? Aber warum ist er überhaupt Zug gefahren?“
Die Fragen schossen nur so durch Constanzes Kopf. Egal, wie sie die Situation beleuchtete, sie hatte das sichere Gefühl, dass ihr Mann für die Tragödie verantwortlich war. Sollte der Knopf an seinem Mantel fehlen, gab es keinen Zweifel mehr.
Constanze und Rebecca gingen gemeinsam in die Cafeteria, um zu beratschlagen, was zu tun sei. Sie einigten sich darauf, dass Rebecca bis zum nächsten Tag bei ihrem Bruder bliebe und Constanze würde nach Hause fahren, um noch ein paar Dinge zu regeln. Am nächsten Tag wollte sie dann Rebecca ablösen, so dass diese zurück nach Aachen und in ihre Praxis fahren konnte.
Constanze wollte die Zeit für sich nutzen, um über ihre Situation und über ihre Vermutungen nachzudenken, die sie Rebecca nicht mitgeteilt hatte. Sie brauchte eine Entscheidung. Es würde eine Entscheidung gegen Ferdinand sein. Das signalisierte ihr ein zuerst undeutliches Gefühl. Doch es formte sich. Es formte sich zu einer starken Gewissheit.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend…