Die Pralinen des Ferdinand Mending.

 

Kapitel 6

Die junge Frau an der Anmeldung der Hamburger Jugendherberge „Stintfang“ konnte Constanze nichts anderes mitteilen, als dass ein Herr Armin Wendt zwar gebucht hatte, aber bisher noch nicht eingetroffen war. Das käme oft vor, dass Gäste noch bis kurz vor Mitternacht auftauchten. Sie sollte sich keine Sorgen machen. „Was hat diese junge Frau für eine Ahnung! Klar mache ich mir Sorgen.“
Sie ging im Wohnzimmer auf und ab und hielt ihr Handy fest umklammert, so fest, dass es schmerzte. Sie war verwirrt, nervös und momentan auch irgendwie hilflos. Die Polizei anzurufen hätte gar keinen Sinn. Die Familie von Armin kannte sie nur aus seinen Erzählungen. Sie lebten alle im Kreis Bergheim, außer seiner Schwester Rebecca, die in Aachen als Logopädin arbeitete und wohnte.
Was konnte sie tun? Im Moment blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. „Vielleicht kommt er ja tatsächlich später. Möglicherweise ist er ja direkt in die Arena zum Handballspiel gegangen. Soll ich in der Halle anrufen und ihn ausrufen lassen?“ Diesen Gedanken verwarf sie. Das könnte ihn derart beunruhigen, dass sein Asthma Probleme machen würde. Nein, das ging nicht. Sie musste warten.
*
In der Universitätsklinik von Münster rang man um das Leben eines schwer erkrankten Patienten, der mittags bewusstlos eingeliefert worden war. Während der Notfallbehandlung musste er reanimiert werden. Seine Kopfwunde war versorgt worden, aber er hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten.
Von dem Patienten, der nachmittags eingeliefert worden war, hatte man noch keine näheren Angaben, außer, dass er alleine in einem Intercity von Frankfurt nach Norddeich von Mitreisenden entdeckt wurde.
Seltsamerweise hatte er keine Papiere bei sich. Die Polizei war informiert worden und die Ermittlungen waren bereits aufgenommen worden. Der diensthabende Oberarzt Dr. Reiner Gutsdorff hatte bisher allerdings noch keine weiteren Informationen erhalten. Die medizinische Situation des Patienten wurde von ihm und seinem Team als kritisch eingestuft. Der Mann befand sich in Lebensgefahr. Gerne hätte man Angehörige hergebeten. Aber es war in diesem speziellen Fall Sache der Polizei den Patienten zu identifizieren und eventuelle Angehörige zu informieren. Am Intensivbett schaute er sich die Überwachungsgeräte an und nahm auch die Auswertungsbögen mit den Laborwerten zur Hilfe.
Dr. Gutsdorff war besorgt. Er verließ das Zimmer und auf dem Weg zur Teeküche, wo er sich eine Tasse Kaffee holen wollte, wurde er ans Telefon gerufen. Die Polizei teilte ihm mit, dass der Patient indentifiziert worden war. Ansatzpunkte waren das Ticket und der reservierte Platz gewesen. Der Reisende hatte mit einer EC-Karte bezahlt, so dass man über die Bank die benötigten Daten ermitteln konnte. Man war nun dabei, die Angehörigen ausfindig zu machen. Dr. Gutsdorff notierte die Angaben, bedankte sich und atmete auf.
*
Constanze hatte wenig geschlafen. Sie war immer wieder mal auf der Couch eingenickt, doch ihre Sorgen waren zu quälend. Mehrfach hatte sie versucht sich einzureden, dass alles in Ordnung sei. Sie spürte, dass es nicht so war. Um sechs Uhr am Morgen hatte sie wieder in der Hamburger Jugendherberge angerufen und erfahren, dass Armin Wendt weder aufgetaucht war noch angerufen hatte. Für Constanze wurde es Zeit zu handeln. Sie wollte nicht bis heute Abend warten und darauf hoffen, dass Armin zur verabredeten Zeit zu Hause sein würde. Sie setzte Kaffee auf, ging kalt duschen, trocknete sich mit einem Badetuch ab und kleidete sich an. Mit dem Kaffee ging sie nach oben in ihr Arbeitszimmer, schaltete ihren Rechner an und wählte sich über ihren Regionalprovider ins Internet ein. Sie suchte über Online-Zeitungen und Suchdienste nach Schlagzeilen des letzten Tages. Sie war erfahren im Umgang mit dem PC und mit der Recherche im Web, so dass sie schnell fand, wonach sie im Grunde nicht suchen wollte. Der Kaffee und die Nachricht ließen ihren Blutdruck steigen. Sie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug und ihr Kopf heiß wurde.
„Gestern Nachmittag fanden Reisende in einem Zugabteil des Intercity Frankfurt–Norddeich zwischen Münster und Osnabrück einen bewusstlosen Mann mit einer blutenden Kopfwunde in einem Abteil liegend vor. Der Reisende hatte keine Papiere und kein Gepäck bei sich. Der Patient wurde in die Uniklinik Münster eingeliefert.“
Constanze glühte. Sie war sicher, dass es sich bei dem Reisenden um Armin handelte. Sie öffnete die Website der Uni Münster und klickte den Link zum Klinikum an. Dort rief sie das Impressum auf und griff zum Telefon. Sie wählte die Telefonnummer, die im Impressum zu lesen war. Sie wurde zur Intensivstation durchgestellt. Allerdings erhielt sie keine Informationen, außer, dass die Polizei die Angehörigen des Patienten benachrichtigen würde. Mehr dürfte man ihr am Telefon nicht sagen. Constanze unterdrückte die aufkommende Panik und suchte im Internet nun nach der Nummer von Armins Schwester in Aachen.
Es lief der Anrufbeantworter mit einem Hinweis auf die Nummer ihrer Logopädie-Praxis Wendt und Schiller. Sie wählte sofort die angegebene Praxisnummer. Eine freundliche, weibliche Stimme meldete sich und stellte sich als Anja Schiller, die Mitarbeiterin der Praxis, vor. Rebecca Wendt, so erfuhr Constanze, wäre in einer privaten Angelegenheit unterwegs und käme heute nicht mehr zurück. Constanze berichtete, wer sie war und wie sich die Situation für sie darstellte und bat um die Mobilfunknummer von Frau Wendt. Anja Schiller war bereits von Rebecca über Armins Zustand informiert worden, daher gab sie Constanze die gewünschte Nummer. Constanze bedankte sich und legte auf.
Sofort wählte sie die Handynummer. Sie duzten sich sofort, was sie in ihrem ersten kurzen Gespräch nicht getan hatten.
„Constanze, ich bin gerade im Zug von Aachen nach Köln. Leider ist ausgerechnet mein Auto in der Werkstatt. Ich bin in einer halben Stunde in Köln.“
„Was ist mit Armin?“, unterbrach Constanze.
„Er hatte im Zug einen Unfall oder einen Asthmaanfall und liegt zur Zeit ohne Bewusstsein in der Uniklinik Münster. Heute früh war die Polizei bei mir. In Bergheim hatten die Beamten meine Mutter nicht angetroffen, deshalb haben sie mich aufgesucht. Mutter ist zur Zeit auf Spiekeroog mit einer Freundin. Ich werde sie erst mal nicht anrufen.“
Constanze hörte aufmerksam zu. Sie war froh, endlich mit jemandem reden zu können. Trotzdem irritierte sie etwas an diesem Gespräch. Sie wusste nicht, was es wahr. Irgendetwas in ihrem Unterbewusstsein meldete sich und verknüpfte Informationen miteinander. Doch sie war zu aufgeregt, um diesen inneren Signalen jetzt weiter Beachtung zu schenken.
„Ich würde gerne mit dir nach Münster fahren, Rebecca. Bist du einverstanden?“
„Natürlich, am besten treffen wir uns an Armins Wohnung. Hast du einen Schlüssel, Constanze?“
„Ja.“
„Super, dann könnten wir uns dort in einer Stunde treffen.“
„Ok, Rebecca, ich sage meine Termine für heute ab. Alles weitere können wir ja nachher besprechen.“
„Bis gleich, ich freue mich, dich endlich kennenzulernen, allerdings wäre es mir unter anderen Bedingungen lieber gewesen.“
Sie legten beide auf.
Constanze packte ein paar Sachen ein. Vielleicht würden sie über Nacht bleiben müssen. Was würde Ferdinand denken, wenn sie nicht zu Hause erreichbar war? Es war ihr egal. Jetzt ging es nur noch um Armin. Ferdinand könnte ihr den Buckel runter rutschen. Die Angst vor ihm und seiner seltsamen Lebensart war völlig verflogen. In Sekundenschnelle. Ein befreiendes Gefühl. Laut pustend atmete sie wie erlöst aus.
Dann änderten sich ihre Gedanken. Eine Eingebung. Ihr Unterbewusstes hatte etwas an die Oberfläche geschickt. Ihr Kopf rotierte. Der Gedanke hatte sich nicht angemeldet. Er war einfach da gewesen. Sie musste sich täuschen. Ihr Gefühl sagte ihr aber, dass sie sich nicht irrte. Unglaublich. Konnte das wirklich sein? Sie wusste nun, was sie an dem Gespräch mit Ferdinand gestern Morgen verwirrt hatte. Sie wusste nun, woran sie gedacht hatte, als sie vorhin mit Rebecca sprach.
Beide Gespräche, das Gespräch mit Ferdinand und das Gespräch mit Rebecca hatten atmosphärische Übereinstimmungen, die in ihrem Unterbewussten abgespeichert waren. Die neuronalen Netze in ihrem Hirn arbeiteten auf Hochtouren, sie hatten zwei Dinge miteinander verknüpft. Es gab keinen Zweifel mehr. Die Gespräche waren aus einem Zugabteil geführt worden. Ferdinand hatte sie aus einem Zug angerufen. Wenn sie noch genauer nachdachte hatte auch das Gespräch mit Armin diese Atmosphäre geliefert. Aber warum? Was hatte das zu bedeuten?
*
Mending versuchte nun schon zum dritten Mal seine Ehefrau in Bonn zu erreichen. Sie ging nicht ans Telefon. Er schlug mit der flachen Hand gegen die Wand seines Hotelzimmers. Er wählte ihre Handynummer. Sie ging nicht ran. Mending wollte sich beruhigen. In einer halben Stunde hatte er seinen ersten Termin. Er fegte mit der ausgestreckten linken Hand alles vom Tisch, was darauf stand und lag. Zwei Zeitungen, eine Flasche Wasser samt Glas und eine Leselampe. Die halbvolle, offene Flasche entleerte sich auf dem Teppich, der das Wasser aufsaugte. Die Flasche blieb unversehrt auf dem Teppich liegen. Das Trinkglas flog gegen die Bettkommode und zersplitterte.
Mending erschrak über seine heftige Reaktion. Seine Wut war sofort verflogen. Es gab sicher triftige Gründe, warum Constanze nicht zu erreichen war. Er hob die Flasche und die Zeitungen auf und sammelte die Glassplitter ein. Dabei schnitt er sich in den Daumen der rechten Hand. Er wickelte ein Taschentuch darum. Dann stellte er die Leselampe, die glücklicherweise auch unversehrt geblieben war, wieder auf den Tisch. Er ging ins Bad und ließ Wasser über den blutenden Daumen fließen, trocknete ihn ab und klebte ein Pflaster darüber, dass er aus seiner Kulturtasche genommen hatte. Er war jetzt wieder klar und konzentriert. Die morgigen Termine wollte er, so nahm er es sich vor, auf den heutigen Tag vorverlegen. Dazu musste er nachher ein paar Gespräche führen. Würde er nicht zum Ziel kommen, musste er die Termine wegen einer dringenden familiären Angelegenheit absagen und später neu ansetzen. So konnte er noch am Abend oder in der kommenden Nacht zurückreisen.
„Ich bin eben ein rational denkender und handelnder Mensch. Constanze wird sich freuen, wenn ich morgen zum Frühstück bereits wieder zu Hause sein werde“, dachte er. Er zog sein Jackett an und verließ das Hotelzimmer.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend…