Die Pralinen des Ferdinand Mending.

 

Kapitel 4 (Teil 2)

Constanze Mending und Henriette Keller trafen sich in einem Bonner Bistro. Constanze fiel die Decke auf dem Kopf. Sie war bei ihrer Arbeit an der Publikation nicht weiter gekommen. So hatte sie Henriette angerufen und sich verabredet. Seltsamerweise fragte Henriette, ob sie mittlerweile einen roten Van fahren würden. Als Constanze verneinte, meinte Henriette, dass sie sich wohl getäuscht habe. Sie hatte gedacht, heute Mittag Constanzes Mann im City-Parkhaus gesehen zu haben.
Danach plauderten sie ein wenig über Qigong, über Henriettes Kinder und über den Oberkassler Literaturherbst, der alle zwei Jahre im Wechsel mit den Oberkassler Kulturtagen im rechtsrheinischen Bonner Stadtteil Oberkassel Ende Oktober und Anfang November stattfand. Henriette erzählte Constanze, die nur flüchtig zuhörte, von einem Doku-Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Ich bin mal eben tot“. Diese autobiografisch erzählende Dokumentation hatte Henriette Keller letzte Woche im Buch-Webshop bestellt, zwei Tage später erhalten und bereits gelesen. Am Abschlusstag des Literaturherbstes waren die beiden Autoren mit einer Buchlesung, die vom Bonner Saxophon Ensemble begleitet werden sollte, bereits angekündigt. Zu dieser Lesung, teilte sie Constanze mit, wollte sie unbedingt hingehen. Sie fragte, ob Constanze sie begleiten wolle. Constanze aber schüttelte ihre roten Locken und lehnte aus terminlichen Gründen ab. Nach einer Stunde stand Henriette Keller auf und verabschiedete sich mit einer Umarmung von Constanze, die noch etwas bleiben wollte.
Die kurze Zerstreuung hatte ihr gut getan. Jetzt dachte sie allerdings wieder an Armin. Sie schaute nach, ob er vielleicht eine SMS geschickt hatte. Nichts. Er war seit Mittag in Hamburg, genauso wie ihr Mann. Sie rief Armin an und hörte die Computerstimme: „The person you are calling is temporaly not available.“
„Mist, er ist nicht erreichbar. Naja, vielleicht ist sein Handy tatsächlich defekt oder er lädt in der Jugendherberge gerade seinen Akku auf.“
Armin Wendt hatte einen Jugendherbergsausweis und übernachtete gerne dort, wenn er unterwegs war. Aber nur, wenn die Herbergen umgebaut waren und auch Einzel- und Doppelzimmer mit Dusche und WC anboten. In Hamburg war das so. Die Herberge lag über den Landungsbrücken, neben dem großen Hafenhotel. Die Anlage war vor ein paar Jahren komplett renoviert und modernisiert worden und konnte es mit den Hotels und Pensionen der mittleren Preisklasse aufnehmen.
Constanze bestellte sich einen weiteren großen Cappuccino und beobachtete durch die Glasfront des Bistros das Treiben auf dem Bischofsplatz. Ein langhaariger Straßenmusiker mit schwarzem Hut und viel zu großer Jeansjacke klimperte auf seiner Gitarre und spielte dazu Mundharmonika. Er sang wie Bob Dylan. Für einen Moment vergaß sie wieder ihre Probleme.
*
Ferdinand Mending war ohne Stau durchgekommen. Hin und wieder war der Verkehr zähfließend gewesen, alles in allem hatte er aber Glück gehabt. Das war auf dieser Strecke selten der Fall. An den Dammer Bergen hatte er ein mit Käse und Salat belegtes Baguette gegessen und dazu einen Roibuschtee getrunken. Seinen Dienstwagen hatte er in der Tiefgarage des Hafenhotels abgestellt, hatte sich angemeldet und war auf sein Zimmer gegangen. Nachdem er geduscht hatte, schaltete er die Heute-Sendung ein. Es war kurz nach sieben.
Um acht Uhr würde er sich im Turmbistro mit seinem Freund Doktor Harald Schweitzer treffen. In diesem Bistro hatte man eine weite Sicht über den Hafen und die Stadt und am Abend sah man das Hamburger Lichtermeer. Das wollte er sich nicht entgehen lassen. Er freute sich darauf. Jetzt war es war Zeit Constanze anzurufen.
Sie war sofort am Apparat. Beim Aufschließen der Haustür hatte sie das erste Klingeln gehört. Die Rufumleitung war also nicht nötig. Das war echtes Timing.
„Guten Abend Constanze, ich bin heute Mittag hier eingetroffen. Habe dann meinen ersten Termin wahrgenommen. Und was machst du gerade?“
„Hallo Ferdinand. Ich mache gerade ein paar Qi-Gong-Übungen. Danach möchte ich noch ein wenig die Sterne beobachten. Morgen Abend treffe ich mich übrigens mit Henriette in der Stadt zu einem Glas Wein. Dann bin ich hier nicht zu erreichen.“
Im Kino würde sie selbstverständlich ihr Handy ausschalten.
„Kannst mich ja am Nachmittag anrufen.“
Er dachte: „Ach ja, der Kino-Termin. Der findet aber leider ohne Weichei statt. Bedauerlich.“
Er sagte: „Ist in Ordnung, Liebes, bis morgen. Schlaf gut.“
Liebes, das hatte er heute zum ersten Mal zu Constanze gesagt, aber sicher nicht zum letzten Mal. Er unterbrach die Verbindung und schaute die Nachrichtensendung zu Ende. Er fuhr mit dem Aufzug bewusst zu früh zum Turmbistro hinauf. Diese halbe Stunde wollte er für sich alleine haben und mit einem Glas Wein die Aussicht genießen und nachdenken. Das Bistro war zweistöckig. Die obere Etage war eine offene Empore, so dass man das Treiben auf der unteren Etage sehen konnte. Mending hatte beim Einchecken ins Hotel einen Tisch auf der oberen Etage bestellt. Das Lokal war fast immer voll, ohne Reservierung ging hier nichts. Er nippte an seinem Wein und ließ seinen Blick durch das Bistro schweifen, dann schaute er hinaus auf die weiten Lichter der Elbmetropole. Östlich sah er den Turm der Michaelskirche und im Hintergrund das Rathaus. Vor sich sah er die St.-Pauli-Landungsbrücken und den Hafen. Er schaute auf die Reklame der Musicalhalle über dem Wasser. Diese Musicalveranstaltungen, die seit Cats und Phantom der Oper in Deutschland den Markt überschwemmten, fand er albern. Er sah, wie die Besucher der heutigen Abendveranstaltungen, das Boot bestiegen, von dem sie in ein paar Minuten hinübergefahren wurden. Unter sich schaute er auf das Portugiesenviertel. Er versuchte das Restaurant auszumachen, indem er schon oft leichte Fischgerichte verspeist hatte. Es lag nur fünf Gehminuten vom Hotel entfernt. Während sein Blick die beleuchteten Häuserfronten abschritt, war um kurz nach acht, Harald Schweitzer die Treppe hinauf gekommen. Als er seinen Freund Ferdinand Mending erblickt hatte, kam er mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.
Nachdem sie es sich auf ihren gepolsterten Stühlen bequem gemacht hatten, setzte Harald Schweitzer seine Lesebrille auf, studierte die Getränkekarte und erzählte von der Tagung. Allerdings weniger von dem speziellen Thema, sondern von der hochkarätig besetzten Teilnehmerliste. Alles Urologen von Rang und Namen. Aus aller Welt. Ferdinand Mending war wenig beeindruckt. Sein interessierter Blick signalisierte seinem Gesprächspartner aber, dass er gerne noch mehr erfahren wolle. Nach zehn Minuten wechselten sie das Thema.
„Wie wär‘s mit einer Partie Schach“, fragte Schweitzer seinen Freund. Der nickte, stand auf und holte an der Theke Brett und Figuren. In der Zwischenzeit hatte der Kellner den kühlen, trockenen Weißwein serviert und eine Schale Erdnüsse in der Mitte des Tisches platziert. Schweitzer stellte die Schale zur Seite, so dass Ferdinand Mending das Brett abstellen konnte. Sie nahmen gemeinsam die Figuren aus der braunen Schachtel und positionierten schweigend Bauern, Läufer, Türme, Springer, Dame und König auf dem Spielfeld.
„Weiß zieht“, sagte Mending und deutete mit der Hand, das sein Gegenüber beginnen solle. Er selbst hatte vorhin die schwarzen Figuren aufgebaut. Er wählte lieber Schwarz. So konnte er sich mit dem ersten Zug einen Moment länger Zeit lassen und durch die Eröffnung des Gegners eventuell dessen Strategie ablesen.
„Ich eröffne wie Kramnik.“ Schweitzer zog einen Bauern vor.
„Dann antworte ich wie Anand, wie ein Weltmeister eben.“ Mending nahm sein Glas zur Hand, nachdem er seine Figur abgestellt hatte. Beide spielten schon seit Jahren ab und an eine Partie miteinander. Beide verfolgten auch die Weltmeisterschaft zwischen dem aus Russland stammenden Wladimir Kramnik und dem Inder Viswanathan Anand, der vor einem Jahr in Mexiko-Stadt Weltmeister geworden war und nun in der Bonner Kunsthalle seinen Titel verteidigen wollte. Harald Schweitzer zog die aktuelle Ausgabe des Bonner Generalanzeigers aus seinem blauen Jackett und schlug die Seite über die Schachweltmeisterschaft auf.
„Perfekt, wir haben genau wie die beiden eröffnet.“
Er zeigte mit dem Finger auf die Stelle des Artikels.
„Wir werden aber nicht Remis spielen, wie die beiden. Ich brauche nur auf einen Fehler von Dir zu warten.“
„Maßlose Selbstüberschätzung“, unterbrach Schweitzer und machte seinen zweiten Zug.
„Gibt es eigentlich noch Karten für die WM? Ich würde mir gerne mal das Ganze aus der Nähe anschauen.“
Er schaute Mending an. Der zuckte mit den Schultern.
Mending wunderte sich, dass er daran noch gar nicht gedacht hatte. Da fand in seiner Heimatstadt ein so überragendes Ereignis statt und er war gar nicht anwesend.
„Ob ich mal mit Constanze dorthin gehen sollte?“
Bei den nächsten Zügen war er nicht ganz bei der Sache. Harald Schweitzer hatte sich einen kleinen Vorteil erspielt. Mendings Gedanken wanderten von Constanze zu den Vorfällen des Tages, die schon ganz weit weg waren. So, als ob er sie mal vor Jahren geträumt zu haben schien. Er zupfte sein Halstuch zurecht, das im gestärkten Kragen seines weißen Hemdes thronte. Entgegen seiner Vorfreude auf den Abend fühlte er sich im Moment etwas unbehaglich. Wie durch einen Filter hörte er seinen Freund.
„Wenn Anand so spielt wie du, dann wird er die WM verlieren.“
„Abwarten, er ist der Beste“, hörte Mending sich sagen.
Schweitzer nahm seine Dame am Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand und flog ganz langsam damit über das Brett.
Noch bevor er absetzte und „Schach“, sagte, fragte er beiläufig, ohne seinen Freund anzuschauen: „Hast du es Constanze jemals gesagt? Ich meine jetzt, wo ihr eh keine Kinder mehr bekommen wollt.“
Verdutzt schaute Mending erst die Dame, dann Harald Schweitzer an. Im nächsten Moment wurde ihm heiß und seine Kehle wurde trocken. Er trank einen wenig genießerischen, großen Schluck Wein.
„Was meinst du? Ich verstehe nicht ganz.“
Mending versuchte entspannt zu klingen, aber er merkte, dass es ihm nicht gelungen war.
„Ferdinand, ich habe nur ein einziges Mal in meinem Leben so etwas gemacht, aber immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mich nicht gut fühle, wenn ich daran denke. Mir wäre wohler die Geschichte wäre aus der Welt oder wir hätten das nie durchgezogen. Was ist so schlimm an deiner Unfruchtbarkeit. Dabei hatte ich dir damals, als ich die Diagnose fälschte, wirklich nur helfen wollen. Heute aber weiß ich, dass wir Constanze damit geschadet haben. Du hast ihr nur einen goldenen Käfig gebaut.“
Er drehte sein Glas und schaute aus dem Fenster, dann sah er seinem Freund in die Augen. „Ich schäme mich dafür.“
Er ließ die Schultern sinken und seufzte.
Mending sammelte seine Gedanken. Dann wurde er innerlich böse. „Habe ich es heute nur mit Weicheiern zu tun?“
Er reagierte sich geistig ab, trank jetzt einen kleinen Schluck und antwortete sachlich: „Constanze weiß es nicht und so soll es bleiben. Ich zähle auf dich. Du bist mein Freund und es war ein Freundschaftsdienst. So hast du dich damals selbst ausgedrückt. Wenn du zu deinem Versprechen stehst, und davon gehe ich aus, wird es niemand erfahren.“
Dann machte er eine gekünstelte Pause und fuhr noch sachlicher fort: „Wenn nicht, wäre deine Urologenkarriere gefährdet.“
Dieser Moment zerstörte etwas. Als am Nachbartisch ein Cocktail zu Boden ging, waren es nicht nur Glasscherben, die zerbrochen waren.
Harald Schweitzer war von der Rolle. Die Schachpartie stand zu seinen Gunsten. Trotzdem bot er ein Remis an, trank leer und verließ das Bistro.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend…