Die Pralinen des Ferdinand Mending

( von Wolfgang Rosen)

Prolog

September 1956
Generalanzeiger, Todesanzeigen:

Am 4. September 1956 verstarb nach kurzer und schwerer Krankheit, versehen mit den Sakramenten der heiligen römischen, katholischen Kirche meine geliebte Frau, meine gute Mutter, meine liebe Schwiegertochter Annemarie Mending, geborene Huber.
In stiller andächtiger Trauer:
Ihr Ehegatte Franz Mending
Ihr Sohn Ferdinand
Ihre Mutter Auguste Huber
und alle Anverwandten

Der kleine Trauerzug bewegte sich langsam vorwärts. Und wie so oft in den letzten Tagen seit dem Ableben seiner Mutter vernahm Ferdinand leise und gedämpft die Worte seines Vaters: „Wir sind stark. Wir weinen nicht.“ Ferdinand war nicht stark. Aber er weinte auch nicht.
Zwei Wochen nach der Beerdigung von Annemarie Mending ging der achtjährige Ferdinand alleine ein Stück die Trierer Straße entlang, um in den Wallfahrtsweg abzubiegen. Der Poppelsdorfer Friedhof lag einen halben Kilometer von der elterlichen Wohnung entfernt. In der Hand hielt er einen Stein, der, wenn man etwas Fantasie spielen ließ, wie ein Herz geformt war. Ferdinand hatte ihn bei einem Sonntagsspaziergang mit seinen Eltern im Frühling am Rhein bei Rhöndorf gefunden. Er wollte ihn ursprünglich seiner Mutter zum Geburtstag schenken, zusammen mit der kleinen Schachtel Pralinen, die sie jedes Jahr bekam. Sie freute sich immer darauf und Ferdinand bekam immer eine Praline ab. Da sie ihren Geburtstag nun nicht mehr feiern konnte, legte er ihr den Stein auf das Grab. Er war stolz auf das Geschenk. Noch stolzer war er auf sich selbst. Wieder hatte er es geschafft nicht zu weinen. Auch sein Vater konnte stolz auf ihn sein. Die Schachtel Pralinen hatte er trotzdem zusammen mit seinem Vater gekauft. Für Oma.
Nach den Herbstferien brachte sein Vater ihn morgens immer zu seiner Großmutte, Auguste, bei der er ab sofort tagsüber wohnte. Es war nicht sehr weit weg von Poppelsdorf nach Oberkassel in die Kastellstraße. Ferdinand empfand es aber wie eine Weltreise. Trennte doch der große Fluss beide Orte. Sein Vater hatte ihn auch in der dortigen Volksschule angemeldet. Zumindest bis zum Wechsel auf eine weiterführende Schule sollte er dort bleiben. Es war einfacher so. Vater holte ihn abends nach seiner Arbeit ab. Nach der Schule aß er mit seiner Großmutter zu Mittag, hinterher spielte er oder ging mit der Oma am Rhein spazieren. Manchmal besuchten sie auch eine Nachbarin. Anschließend machte er seine Hausaufgaben.
Die Abende mit dem Vater liefen immer gleich ab: Abendbrot essen, Hausaufgaben zeigen und verbessern, waschen, schlafen. Abweichungen oder Kompromisse wurden nicht geduldet. Franz Mending erzog oder strafte nie mit körperlicher Gewalt. Seine stattliche Erscheinung, sein energisches Auftreten und seine sprachliche Gewandheit machten dies unnötig. Ferdinand war von der Art des Vaters fasziniert, empfand sie aber gleichzeitig als abstoßend. Dennoch war er folgsam und zollte dem Vater Respekt. Er benötigte schließlich seine ganze Kraft, um sich auf seine neue Aufgabe zu konzentrieren. Dem Beschützen seiner Großmutter an jedem Tag, den er bei ihr war. Er durfte es nicht schon wieder vermasseln und wäre auch am liebsten über Nacht bei ihr geblieben. Vier Jahre später starb seine Großmutter an den Folgen einer Lungenentzündung. Auf dem Küchentisch lag noch eine angebrochene Schachtel Pralinen, die Ferdinand seiner Oma vor einigen Tagen als Genesungsgeschenk überreicht hatte, als die Erkrankung noch harmlos erschien. Die Trauerfeier fand ohne Tränen statt.

Copyright © 2013 Wolfgang Rosen,
DER BÜHNENHÖRSPIELER.

Fortsetzung folgt morgen Abend….