Wie bereits berichtet, haben wir schon vor einigen Wochen Kontakt aufgenommen zur Koordinationsstelle der Flüchtlingsunterkünfte unserer Stadt. Wir wollten uns gerne engagieren, unsere Zeit ist aber durch zwei Kinder, Arbeitsstellen und Bloggen sehr eingeschränkt. Daher haben wir uns dafür entschieden, mit einer Familie einen Tagesausflug zu unternehmen. Da wir zwei Autos mit je zwei Kindersitzen haben, ist das ja auch kein Problem!

Der Kontakt zur Stadt lief im Vorfeld wirklich problemlos. Man freute sich über unser Angebot und es wurde sogar eine Familie ausgesucht, deren Kinder in etwa im Alter unserer Jungs sind. Wir machten uns wirklich sehr viele Gedanken, welches Ausflugsziel wohl geeignet wäre, ob und was man als kleines Geschenk mitbringen sollte/könnte und ob wir etwas Besonderes zu beachten hätten.
Unsere erste Idee für einen Ausflug war das Phantasialand, was auch für kleine Kinder wirklich bestens geeignet ist und wo wir uns immer sehr wohl fühlen. Dann kamen aber Bedenken, ob es nicht eine Reizüberflutung sei. Man weiß ja nicht, was die Familie möglicherweise so alles durchgemacht hat in der Vergangenheit. Schließlich entschieden wir uns dann für einen Tierparkbesuch bei gutem und einen Indoor-Spielplatz bei schlechtem Wetter.
Als Geschenke überlegten wir uns ein Memory für den fünfjährigen Jungen und Duplo-Bauernhoftiere für das zweijährige Mädchen. Da wir bereits vorab wussten, dass die Familie überhaupt kein Englisch spricht, waren wir froh, dass Langenscheidt uns auf Anfrage zwei „Ohne-Wörter“-Bücher zur Verfügung stellte. Ein Exemplar davon schenkten wir den Eltern der Familie.

 
Das "OhneWörterBuch" von Langenscheidt

 
Als wir zum vereinbarten Zeitpunkt an der Flüchtlingsunterkunft ankamen, mussten wir zunächst vor einem Zaun warten. Das Gelände war weitestgehend umzäunt und von Sicherheitspersonal bewacht. Mensch …
Leider standen wir auf keiner Liste, obwohl im Vorfeld alles so gut geklappt hatte mit der Kommunikation. Da das gesamte Personal aber gewillt war, uns zu helfen, wurden wir schließlich der Familie vorgestellt. Nun gab es einen weiteren blöden Zufall, denn die Familie hatte bereits Besuch von einer Frau, die sie in einer vorherigen Unterkunft betreute und extra 180 km angereist war. Na toll! Da die Familie und die Betreuerin sich bereits gut kannten und verstanden, wollten sie natürlich unbedingt etwas mit ihr unternehmen. Glücklicherweise war sie sehr offen und fragte, ob sie nicht einfach mit uns zusammen fahren kann. Kein Problem und eine tolle Idee 🙂

Um etwas gemütlicher fahren zu können, teilten wir die Familie auf und es fuhr je ein Elternteil mit Kind in einem Auto mit. Man merkte auf der Hinfahrt noch die Anspannung, da ihnen wohl nicht ganz klar war, wo wir hinfahren würden. Der Vater guckte auch regelmäßig in den Seitenspiegel, um zu sehen, ob Anjas Auto noch hinter uns ist.
Angekommen am Indoor-Spielplatz – das Wetter war leider sehr unbeständig – waren alle Kinder direkt Feuer und Flamme und wollten sofort loslegen. Nach etwas Zurückhaltung gefiel es auch den Eltern und der Betreuerin sehr gut. Es wurde wirklich jedes Spielgerät ausprobiert.

 
Kinder auf einem sich drehenden Rad

Herumgeturne auf dem "Vulkan"

Tom macht eine Pause und isst etwas

Tom im Spielgerüst

 
Zur Verständigung und um Deutsch zu lernen konnte man wunderbar das „Ohne-Wörter“-Buch brauchen. Das ist ein Buch, in dem einige hundert Zeichnungen enthalten sind, nach Themengebiet sortiert. Die absolut wichtigste Kommunikation ist hiermit komplett abgedeckt. In den neueren Ausgaben sind auch Bilder für „Handy“ und „WiFi“ enthalten. Auch sonst ist alles, was Essen, Geschäfte, Reisen etc. angeht, abgedeckt.

 
Inhaltsverzeichnis des "OhneWörterBuches" von Langenscheidt

Beispielseite aus dem "OhneWörterBuch" von Langenscheidt

 
Dennoch dient das Buch natürlich nur dazu, die nötigste Kommunikation zu ermöglichen. Ein Gespräch war nicht möglich. So habe ich von der Familie selbst nur erfahren, dass sie aus Kobane in Syrien stammen. Die Betreuerin hat mir dann schließlich erzählt, dass die Familie auf der üblichen Route Türkei-Griechenland-Mazedonien-Serbien-Ungarn-Österreich nach Deutschland gelangt ist. Während des Zuckerfests, als sich die Familie also bereits in Deutschland befand, erfuhren sie, dass eine Bombe das Elternhaus völlig vernichtet hat und dabei die Schwester des Mannes um’s Leben gekommen war. Ich finde es heftig, so etwas mal nicht durch das Fernsehen mitzubekommen, sondern jemanden direkt zu treffen.

In der Zwischenzeit machten die Kids den alle Spielgeräte unsicher. Mal zogen wir zusammen durch die Halle, mal jeder für sich. Alles ganz unkompliziert! Ein wirklich unbeschreibliches Gefühl, alle Kinder lachen und so vollständig glücklich und zufrieden zu sehen. Streit gab es nicht.

 
Tom in einem Spielhaus

Unterwegs im Spielgerüst

 
Als wir vor der Heimfahrt noch schnell die Geschenke überreichten, konnte man glänzende Kinderaugen sehen. Das ist etwas, was leider bei uns und unseren Jungs etwas verloren gegangen ist. Natürlich freuen sie sich auch sehr über Geschenke und bedanken sich, aber dass ein Junge mich so dankbar ansieht und die ganze Rückfahrt mit einem Memory-Spiel (!) kuschelt, hat mich einfach nur gerührt.

Als wir sie wieder zu Hause absetzten, waren wir alle total platt. Platt und glücklich. Wir verabschiedeten uns, wahrscheinlich für immer. Denn am Freitag werden die Vier wieder in einer anderen Einrichtung untergebracht und niemand weiß, welche das sein wird. Über die Begleiterin erfuhren wir, dass es bereits beim letzten Wechsel der Unterkunft Probleme gab. Die Flüchtlingsfamilie hatte sich nämlich schon in Ungarn mit einer großen Gruppe anderer Flüchtlinge zusammengeschlossen und sie waren gemeinsam in Deutschland untergebracht. Eines Tages fuhren Busse vor und alle mussten hinein – Ziel unbekannt. So kam es, dass sie vom Rest der Gruppe getrannt wurden. Daran merkt man, dass alles im Ausnahmezustand ist und vieles nicht so funktioniert, wie es sein sollte.

Für uns war es ein tolles Erlebnis und eine schöne Erfahrung. Auch wenn wir diese Familie wohl nicht wiedersehen werden, so werden wir einen Tag wie diesen gerne wiederholen!