Es ist schon spät. Jan, Tom schnell Schuhe anziehen und ab in’s Auto, wir müssen los!

So oder so ähnlich hört es sich fast jeden Morgen bei mir an. Egal, wie früh ich aufstehe, einer trödelt immer und dann gibt es hintenraus Zeitdruck. Anja und ich haben es so geregelt, dass ich die Kinder morgens vor der Arbeit zur Tagesmutter fahre und sie sie dort nachmittags wieder einsammelt. Eigentlich müsste ich überhaupt kein Zeitproblem haben, da ich Gleitzeit arbeite und eigentlich später kommen und dafür länger arbeiten könnte. Das ist aber nicht mein Anspruch, weil ich ja die Kinder nachmittags noch sehen möchte.
Ich muss dann meinen Kopf zusammenhalten – ja nichts vergessen – und erst recht nicht zu spät kommen. Das fällt vor allem mir schwer, weil ich seit Toms Geburt ein Kopf wie ein Sieb habe.

Habe ich eigentlich das Frühstück eingepackt? Nein. Mist, nochmal zurück.

So etwas kommt immer mal wieder vor, natürlich genau an den Tagen, an denen man sowieso schon auf den letzten Drücker losgefahren ist. Solange die Kids noch nicht in der Kita sind und wir das Essen selbst einpacken, darf nichts vergessen werden. Schließlich haben sie einen Tag, der genau so lange ist wie Papas Arbeitstag.

Kann ich heute etwas früher gehen? Wäre wichtig. – Na klar, wann denn? – Hmm, jetzt …?

In der Tat ist das Hin-und-Her zwischen Kindern und Job immer wieder eine Herausforderung. Wenn ich zum Beispiel an das letzte Jahr denke, wie oft ich spontan Feierabend machen und Anja unter die Arme greifen musste, weil Schreikind Tom sie wieder an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Mein Arbeitgeber hat und hatte dafür glücklicherweise immer Verständnis und in der Regel sind die Projekte, an denen ich arbeite, nicht zeitkritisch. Ich frage mich oft, was wohl im letzten Jahr so alles passiert wäre, wenn mein Arbeitgeber mir nicht oft spontan frei gegeben hätte.
Das sieht bei Anja vollkommen anders aus. Als Krankenpflegerin ist sie natürlich fest eingeplant und kann sich gerade im Nachtdienst nicht einfach mal eben abmelden, da sie alleine arbeitet und dann jemand, der eigentlich frei hätte, einspringen müsste.

So, der Bus kommt. Ich muss dann los.

Bevor Anja ihr eigenes Auto bekam, gab es Tage, an denen wir uns vielleicht nur eine halbe Stunde gesehen haben. Als ich mit den Kindern nach Hause kam, musste sie los. Morgens haben wir uns oft gar nicht mehr gesehen, weil ich schon mit den Kindern aus dem Haus war, bevor sie zurückkam. Nachtdienst mit Kindern wäre nichts für mich. Wir haben uns dennoch damals dafür entschieden, weil Anja so weniger arbeiten muss und trotzdem ein ordentliches Gehalt bekommt. Es ist aber hart, für beide Seiten. So gab es sehr viele Wochenenden, an denen Anja den ganzen Tag im Bett verbrachte und versuchte zu schlafen, während ich im Wohnzimmer die Kinder bändigen musste, damit sie bloß nicht zu laut spielen und ihre Mama stören. Es fehlt an diesen Wochenenden einfach jemand bei unseren Unternehmungen. Ich bin aber eigentlich auch gezwungen, etwas zu unternehmen, weil ich sie ja nicht fesseln kann, damit sie leise sind. Im Winter oder bei schlechtem Wetter kann ich mich oft nicht aufraffen, alleine etwas mit den Kindern zu unternehmen, was die ganze Sache natürlich noch schwieriger gestaltet.
Hinzu kommt, dass Anja regelmäßig von der Arbeit angerufen wird, ob sie für eine krank gewordene Kollegin spontan einspringen kann. Es ist schon vorgekommen, dass sie nachmittags um 17 Uhr gefragt wurde, ob sie in der Nacht arbeiten kann. Ohne vorzuschlafen. Pflegeberufe sind einfach hart, das merke ich bei Anja und mehreren anderen Leuten, die ich kenne und die in einem Pflegeberuf arbeiten.

Es ist nicht denkbar, dass Anja „Hausfrau“ wäre. Auf der einen Seite wäre das überhaupt nicht ihr Ding, klar. Auf der anderen Seite wäre es aber auch finanziell nicht möglich. Wir möchten den Kindern etwas bieten können und haben vielleicht auch einen Lebensstandard, den ich mir so vor zwei, drei Jahren noch nicht vorgestellt hatte. Dafür muss man aber auch große Einbußen machen. Ich finde aber auch, dass man die Momente zu viert intensiver genießt. Dass wir einfach nur zu Hause rumsitzen und nichts tun, kommt nur selten vor.

Ich bin gespannt, wie sich die Situation ändert, wenn die Kinder in den Kindergarten kommen. Allein schon die Tatsache, dass man nicht immer kochen muss, wenn man vielleicht mal nicht möchte. Auch dass die Kita mehr oder weniger auf meinem Arbeitsweg liegt (aktuell fahre ich ca. 10 Minuten entgegengesetzt der Arbeit zur Tagesmutter), wird etwas Spannung herausnehmen.

Wenn du die Kinder abholen kannst, schaffe ich es vielleicht schon, zu kochen und das Bad zu wischen.

Alles ist eine Frage der Organisation und Aufteilung. Es wird nicht mehr eine Aufgabe zu zweit, sondern es werden zwei Aufgaben parallel erledigt, damit man alles möglichst früh schafft, um Zeit für die Kinder (in’s Bett bringen, statt im Bett ablegen) und auch mal für sich zu haben. An dieser Stelle darf ich meinen höchsten Respekt alleinerziehenden Eltern und Eltern ohne Auto aussprechen.

Kind oder Karriere

So schlimm wie es ist, aber am Ende ist es so: Es geht um Kind oder Karriere, auch wenn die Politik oder manch ein Arbeitgeber etwas anderes vorgaukelt. Es wurde Anja in einem Bewerbungsgespräch auch so in’s Gesicht gesagt. Wir sind auf der Kind-Schiene gelandet, wir sind froh darum, und werden dort auch erst einmal bleiben. Es ist aber auch klar, Eltern sind viel weniger flexibel, da kann es die eine oder andere Überstunde nicht geben, man fehlt kurzfristig, weil die Kita streikt oder das Kind krank ist und Zeit für die eigene Weiterbildung muss/müsste man sich abzwacken. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass mehr Arbeitgeber Verständnis mitbringen, wenn es darum geht, dass Eltern „schon wieder“ eine Extrawurst brauchen.

Auch wenn es einige Probleme gibt und Familie und Beruf nicht immer so leicht zu vereinbaren sind, finde ich, dass es bei uns gut läuft. Es könnte besser laufen, aber wir machen das beste draus. 🙂

Uns würde nun interessieren, wie ihr es organisiert. Arbeitet vielleicht auch jemand im Nachtdienst? Arbeitet ihr auch beide und wie sieht euer Verhältnis zum Arbeitgeber aus? Wie oft benötigt ihr eine „Extrawurst“?